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Deutsche Generale in Paris
1940 (2er v.l. Georg Küchler, 3er v.l. Fedor von Bock)
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Durch eine merkwürdige
Fehlleistung, wurde Hitler gezwungen, den Kampf um sein Hauptziel - die
Eroberung Frankreichs - vorerst hinauszuschieben. Dieser Fehler, der zunächst
katastrophal erschien, trug in Wirklichkeit am Ende dazu bei, dass Hitler
seine beiden größten Triumphe erringen konnte, nämlich die Besetzung
Norwegens und der Sieg über Frankreich. |
Im
Siegestaumel nach dem grandiosen Sieg über Polen im September 1939 hatte
Hitler im November Frankreich angreifen wollen. Schlechtes Wetter und die
Notwendigkeit, das Heer für den Aufmarsch im Westen umzugruppieren, hatten
jedoch eine mehrmalige Verschiebung des geplanten Angriffs bewirkt. Ein paar
klare und sonnige Tage im Januar 1940 hatten Hitlers Ehrgeiz jedoch erneut
entfacht. Als neues Angriffsdatum wurde der 17. Januar festgesetzt. Die
deutschen Oberbefehlshaber trafen ihre Vorbereitungen - aber nur
widerstrebend, denn sie wussten, dass die Wehrmacht erst bedingt
angriffsbereit war.
Am 10. Januar wurde der gesamte Plan jedoch durch einen bizarren Vorfall zu
Makulatur. Als Werkzeug des Schicksals diente ein junger ehrgeiziger
Luftwaffenoffizier: Major Helmut Reinberger. Als Reinberger mit brisanten
Akten auf der Reise zu einer in Köln angesetzten Stabsbesprechung in Münster
aufgehalten wurde, entschloss er sich, das Angebot anzunehmen, in einer
Kuriermaschine der Luftwaffe mitzufliegen, um sich die lange Fahrt mit dem
Nachtschnellzug zu sparen. Damit verstieß er gegen einen eindeutigen Befehl
Hermann Görings, der als Oberbefehlshaber der Luftwaffe Kurieren untersagt
hatte, Geheimsachen auf dem Luftweg zu überbringen - und Reinbergers gelbe
Aktentasche enthielt den streng geheimen Plan für einen wichtigen Teil des
deutschen Einfalls in Frankreich und die Niederlande.
Bald nach dem Start der Messerschmitt Me 108 vom Flugplatz Münster-Lodenheide
verdichteten sich dünne Nebelschleier zu einer geschlossenen Wolkendecke,
und starker Ostwind bewirkte eine Windversetzung von etwa 30 Grad von dem
auf dem Flug nach Köln einzuhaltenden Südwestkurs. Der Rhein, eine
wichtige Orientierungslinie, wurde bei schlechter Sicht unbemerkt überflogen.
Der Flugzeugführer, Major Erich Hönmanns, sichtete schließlich einen
Flusslauf, erkannte aber, dass es nicht der Rhein sein konnte. Sie hatten
sich verflogen.
Unterdessen vereisten in der feuchten, kalten Luft Tragflächen und Vergaser
ihrer Maschine. Der Motor stotterte und setzte dann aus. Hönmanns fand
gerade noch rechtzeitig ein kleines Feld. Die Me 108 verfehlte beim
Landeanflug nur knapp einige Bäume, setzte auf und holperte bis zu einer
Hecke, in der sie zum Stehen kam. Als die beiden Deutschen mitgenommen, aber
unverletzt aus der zu Bruch gegangenen Maschine kletterten, tauchte ein
alter Mann auf und erklärte ihnen auf französisch, dass sie bei Mechlin in
Belgien gelandet seien. Der überflogene Fluss war die Maas gewesen - 80
Kilometer westlich von Köln.
Reinberger dachte sofort daran, dass er seine Papiere verbrennen musste.
Aber da Hönmanns und Reinberger Nichtraucher waren, hatten sie keine Zündhölzer
bei sich. Schließlich gab der alte Mann sein Feuerzeug heraus. Als es
Reinberger eben gelungen war, die Papiere trotz des starken Windes in Brand
zu setzen, trafen belgische Gendarmen auf Fahrrädern ein und löschten die
Flammen.
Als Reinberger kurz danach auf dem zuständigen Polizeirevier vernommen
wurde, unternahm er einen weiteren verzweifelten Versuch, die kostbaren
Papiere zu vernichten. Er wischte sie plötzlich vom Tisch und stopfte sie
in den Ofen. Der Polizeichef zog sie jedoch ebenso schnell wieder heraus,
obwohl er dabei Verbrennungen erlitt. Reinberger versuchte nun, sich der
Dienstwaffe des Polizeichefs zu bemächtigen, aber der Belgier stieß ihn
auf den Stuhl zurück und befahl ihn, sitzenzubleiben und sich nicht mehr zu
rühren. Reinberger schlug die Hände vors Gesicht und sagte beinahe
schluchzend, er wolle die Pistole, um sich zu erschießen; in Deutschland
gebe es für ihn "kein Pardon".
Am gleichen Abend lagen die noch völlig lesbaren Dokumente dem belgischen
Generalstab vor, der sofort die Mobilmachung der belgischen Streitkräfte
anordnete. Die Belgier übermittelten auch den französischen und englischen
Armeen in Nordfrankreich eine Zusammenfassung des Inhalts der bei Reinberger
gefundenen Unterlagen. Aus diesem Operationsplan ging hervor, dass das
deutsche Heer in einer Umfassungsbewegung durch Belgien nach Frankreich
hinein vorstoßen sollte - ähnlich wie die Armeen Kaiser Wilhelms II. zu
Beginn des Ersten Weltkrieges.
Die
Hiobsbotschaft von Reinbergers Pech zog in Berlin rasch und lautstark
Reaktionen nach sich. Hitler machte Göring wegen der Dummheit seiner
Untergebenen Reinberger und Hönmanns heftige Vorwürfe und befahl ihm, den
Kurier bei seiner Rückkehr an die Wand stellen zu lassen (Reinberger hatte
jedoch Glück und verbrachte den Rest des Krieges in einem sicheren
kanadischen Kriegsgefangenenlager). Die allgemeine Verwirrung führte
freilich auch zu einer der wichtigsten Entscheidungen: Der deutsche
Angriffsplan musste völlig neu ausgearbeitet werden. Er sollte auf Befehl
Hitlers auf neuer Grundlage überarbeitet und vor allem auf Geheimhaltung
und Überraschung abgestellt werden.
Aufgrund
dieser Weisung Hitlers arbeitete der brillante General Erich von Manstein
einen Angriffsplan aus, den ein bekannter Historiker "einen der
genialsten Siegespläne, der je von Strategen ersonnen worden ist",
genannt hat. Manstein verwarf den alten, vorausberechenbaren Plan eines
durch Belgien führenden Hauptstoßes. Wie er Hitler am 17. Februar 1940 bei
einem Abendessen auseinander setzte, sollte der deutsche Angriffsschwerpunkt
statt dessen in den Ardennen liegen - dem bewaldeten Bergland im Grenzgebiet
zwischen Belgien, Frankreich und Luxemburg. Nach herkömmlicher militärischer
Auffassung stellte dieses Gebiet ein für Panzer unüberwindbares Hindernis
dar, Manstein war jedoch anderer Überzeugung. Durch die unerwartete
Angriffsrichtung hatten die Deutschen nicht nur den Vorteil des Überraschungsmoments
auf ihrer Seite, sie standen dann auch vor dem verteidigungsschwächsten
Abschnitt der französischen Grenze. Die deutschen Panzer würden die französischen
Stellungen bei Sedan durchstoßen, einen Keil bis zum Ärmelkanal vortreiben
und die anglo-französischen Armeen aufspalten.
Die deutsche Luftwaffe sollte die Panzer- und Fahrzeugkolonnen auf dem
Marsch über die engen Ardennenstrassen schützen und dann einen
Bombenteppich vor die Panzer legen, wenn sie nach Frankreich vorstießen.
Solange die fliegende Artillerie in den feindlichen Reihen Verwirrung
stiftete, ohne den Gegner zur Ruhe kommen zu lassen, musste dieser Vorstoß
erfolgreich sein.
Der Angriff nach Nordbelgien und Holland hinein sollte nach Mansteins
Vorstellungen wie geplant durchgeführt werden, aber vor allem als
Ablenkungsmanöver dienen, um die Truppen der Alliierten von den Ardennen
abzuziehen. Generaloberst von Bocks im Norden eingesetzte Heeresgruppe B würde
ihre Panzerdivisionen bis auf eine an Rundstedts Heeresgruppe A abgeben, die
den Panzervorstoß bei Sedan führen sollte.
Das war ein kühner, beinahe tollkühner Plan von der Art, für die Hitler
sich so begeisterte. Mansteins Vorschlag wurde am 24. Februar 1940 offiziell
als Grundlage der deutschen Angriffsplanung akzeptiert und erhielt den
Decknamen "Sichelschnitt". Während der durch die Umgruppierung
der beiden Heeresgruppen entstehenden Zwangspause wandte sich Hitler nach
Norden, um Dänemark und Norwegen zu besetzen.

Hitler 1942, links neben ihn
(mit Pelzkragen) Panzergeneral Heinz Guderian.
Quellen:
"Battle over the Reich" © 1973 by Alfred Price, Jan Allan Ltd.,
Shepperton,
"Die deutsche Luftwaffe im 2. Weltkrieg" Autorenkollektiv,
Gondrom Verlag, 2001,
"Die großen Luftschlachten des Zweiten Weltkrieges"
Autorenkollektiv, Neuer Kaiser Verlag, 2000,




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