U-570
befand sich auf dem Marsch ins Operationsgebiet. Es war eines der neuen
Frontboote. Die Besatzung einschließlich des Kommandanten, Kapitänleutnant
Rahmlows, war in einer der U-Boot-Lehrdivisionen in der Ostsee ausgebildet
worden. Auf der Marschroute durch das Kattegat und das Skagerrak ging es
zunächst zur Treibstoffergänzung in einen westnorwegischen Hafen, danach
sollte das Boot weitausholend um die Britischen Inseln in den Atlantik hinein,
um schließlich nach beendetem Einsatz einen Stützpunkt an der französischen
Küste anzulaufen.
U-570 stand am Nachmittag des
27. August 1941 etwa 100 Meilen südlich Island. Einige britische Bewacher
hatten das Boot unter Wasser gedrückt und mit ihren Wasserbomben großen
Schaden im Boot verursacht. Es blieb zwar tauchfähig, doch die erstmals mit dem
Gegner in Berührung gekommene Besatzung verfiel in eine Panik. Erschrocken
über die nahe Todesgefahr, entstand ein chaotisches Durcheinander bei dem
Versuch, die Schäden zu beseitigen. Es zeigte sich, dass der
"Ernstfall" nun doch etwas ganz anderes war als die bei der Übung von
dem Ausbildungsleiter angegebenen Ausfälle und seine Hinweise zur Beseitigung.
Nach längerer Tauchfahrt, bei
der die Nerven der Besatzung in dem angeschlagenen Boot weit überfordert
wurden, tauchte U-570 in den Abendstunden auf. Von den Bewachern war nichts mehr
zu sehen. Plötzlich brauste jedoch ein Bomber heran,
und ehe Rahmlow und die Brückenwache begriffen hatten,
was vor sich ging, klatschten die ersten Bomben schon um das Boot ins
Wasser. Das Boot wurde durch den Detonationsdruck hin und her geworfen. Die
Besatzung, den ersten Schock
noch nicht überwunden, fiel
voll panischem Schrecken in den nächsten. Rahmlow schrie wie besessen einen
Tauchbefehl nach dem anderen durchs Sprachrohr in die Zentrale hinunter. Als er
sich schon im Luk befand, kam die Meldung des LI, dass das Boot tauchunklar
wäre. Einige Tauchzellen wären leck und mehrere Ventile zersprungen; Rahmlow
blieb auf der Brücke. Der Bomber hatte inzwischen gewendet und flog erneut an.
Rahmlow befahl die Flakbedienung an die Geschütze. Noch bevor die Geschütze
feuerbereit waren, fielen die Bomben. Wieder schüttelte sich das Boot. Die
Geschützbedienungen warfen sich flach aufs Deck. Als die leuchtenden Bahnen der
MG-Geschosse aus dem Flugzeug aufblitzten und aus der Zentrale neue Schäden
gemeldet wurden, war die Panik unter der Besatzung vollständig. Rahmlow befahl
nach einer weißen Flagge zu suchen. Noch bevor der Bomber zum erneuten Anflug
ansetzen konnte, hatte der Signalgast eilig die Kapitulationsflagge ans Sehrohr
angeschlagen. Sie war eines der weißen Hemden des Kommandanten.
Jederzeit bereit, sich auf das
Boot zu stürzen, kreiste das Flugzeug um
das ruhig im Wasser liegende Boot. Nahezu die gesamte Besatzung von U-570
war inzwischen an Deck gekommen und verfolgte bang das Kurven des Bombers. Das
Flugzeug war bemüht, mit Funkspruch so schnell wie möglich Schiffe
herbeizurufen. Es sollten aber noch Stunden vergeben, bis die ersten
U-Boot-Jäger eintrafen.
Die Besatzung wurde
gefangengenommen und U-570 in den alliierten Stützpunkt Hvalfjord auf Island
geschleppt. In der britischen Presse und im Rundfunk wurde die Aufbringung des
deutschen U-Bootes mitgeteilt. Für die Royal Navy war das eine Genugtuung für
die Kaperung ihres U-Bootes "Seal" im Frühjahr 1940 im Skagerrak.
Kapitänleutnant Rahmlow, der
Kommandant von U-570, hatte sein kampfunfähiges Boot nicht - wie in einem
solchen Fall vorgesehen - selbst versenkt. Mag auch in den entscheidenden
Minuten Verwirrung und Panik unter der Besatzung geherrscht, mag die Angst um
das eigene Leben die Entscheidung des Kommandanten beeinflusst haben, ohne
Zweifel aber hatte Rahmlow durch seine Tat - ob bewusst oder unbewusst - mit der
deutschen Kriegführung gebrochen.
Wie grundverschieden war diese
Haltung von der anderer Kommandanten, von denen keiner den Mut für solch einen
ersten Schritt aufbrachte, selbst wenn sie sich in ähnlichen Umständen
befanden. Sie dachten höchstens an die Rettung des eigenen Lebens. Im
Unterschied zu den Praktiken auf den anderen Schiffen befand sich bei der
Versenkung eines U-Bootes naturgemäß fast immer der Kommandant unter den
wenigen Überlebenden.
Deshalb
traf Rahmlow und seine Besatzung die Rache deutscher Marineoffiziere.
Im Gefangenenlager mussten britische Soldaten Rahmlow mit Waffengewalt vor der
über ihn verhängten Feme schützen.
Im Falle des I WO von U-570
gelang das nicht. Kein anderer als der berüchtigte Kretschmer, der in diesem
schottischen Offiziersgefangenenlager in Grizedale Lagerältester war,
organisierte gegen den ehemaligen Wachoffizier Berndt ein sogenanntes
Ehrengericht. Der junge Offizier wurde verurteilt, "die Schmach zu
tilgen", indem er das U-Boot, das in einer Bucht an der Westküste
Schottlands lag, versenken sollte. Nur durch eine nachträgliche
Selbstversenkung wäre die "Ehre" der deutschen Kriegsmarine wieder
herstellbar. Es ist charakteristisch für die Erziehung vieler Marineoffiziere,
dass der Wachoffizier nicht gründlich über die Haltung seines Kommandanten
nachgedacht hatte und das Urteil des illegalen "Ehrengerichtes"
annahm. Bei der Verwirklichung dieses Unternehmens wurde der aus dem Lager
ausgebrochene Offizier erschossen.
Bei der Untersuchung des Falles
durch britische Behörden redete sich Kretschmer damit heraus, dass er von
alledem nichts gewusst hätte. Zu beweisen war ihm nichts.
Bemerkenswert für die
Wertschätzung Kretschmers durch die deutsche
Führung ist folgender Umstand. Im Januar 1942 verlieh ihm Hitler die
"Schwerter zum Eichenlaub", obwohl bekannt war, dass er sich seit
über zehn Monaten in britischer Kriegsgefangenschaft befand.
Die deutsche Seekriegsleitung
wusste innerhalb weniger Tage, was südlich Island vorgefallen war. Die
Nazipropaganda stritt den Tatbestand im Ausland natürlich ab, in Deutschland
selbst wurde er einfach verschwiegen. Zuerst hatte man befürchtet, dass mit der
Kapitulation des Bootes auch der Funkschlüssel in englische Hände gefallen
wäre. Eine völlige Umstellung des gesamten Funkverkehrs und die Einführung
eines neuen Schlüsselsystems waren innerhalb weniger Monate nicht
durchführbar, geschweige denn innerhalb weniger Wochen. Zwar bewahrheiteten
sich diese Befürchtungen der deutschen U-Boot-Führung nicht, aber ihre Sorgen
wurden darum nicht geringer. Offensichtlich reichte die Zeit für die
Dabei war dem Befehlshaber der
U-Boote unbekannt geblieben, dass schon am 9. Mai 1941 eines seiner U-Boote zur
Übergabe gezwungen worden war: Der
Besatzung des britischen Zerstörers "Bulldog" gelang es, U-110 (der
Kommandant dieses Bootes U-110, Lemp, hatte zu Beginn des Krieges die "Athenia"
versenkt) zu erbeuten, wobei die
geheimen Bordunterlagen in britische Hände gefallen waren. Aber erst nach der Aufbringung von U-570 konnten die dabei gewonnenen Erkenntnisse
praktisch aus gewertet
werden, da U-110 kurz nach der Übergabe noch gesunken war.
Die britische Propaganda wertete
selbstverständlich diese Fakten in ihren
deutschsprachigen Rundfunkprogrammen aus. Um diesen psychologischen Angriff
abzuwehren, behauptete die deutsche Seekriegsleitung, die Handlungsweise des
Kommandanten und der gesamten Besatzung von U-570 sei nichts weiter als Feigheit
vor dem Feind gewesen. Jede Gerüchteverbreitung um U-570, die nur von
feindlichen Sendern stammen könne, sollte auf das entschiedenste mit
kriegsgerichtlichen Mitteln geahndet werden. Die geringsten Anzeichen von
Feigheit oder Zweifel am siegreichen Einsatz der U-Boote waren durch Tatbericht
der Vorgesetzten dem Kriegsgericht bekannt zumachen.