Die Torpedos

Ein großer Teil der Torpedos explodierte nicht, die Quote lag bei 50% Versagern. Offensichtlich reichten die Erfahrungen, die während, der Erprobung in Friedenszeiten gemacht worden waren, nicht mehr aus. Die Torpedoinspektion wurde bei ihrer Behauptung, dass die Torpedos einwandfrei funktionierten, natürlich von den Herstellerfirmen unterstützt. Zahlreiche Fabriken, die Einzelteile der Torpedos anfertigten, hatten bereits voll und besonders zu Beginn des Krieges riesige Aufträge erhalten. Die Industrie zeigte daher wenig Neigung, den profitierten Produktionsgang durch kostspielige Umkonstruktionen stören zu lassen.
Die Torpedofertigung war ein großartiges Geschäft, und auf keinen Fall war man zur Einbuße bereit, Umkonstruieren,  ausprobieren, das braucht Zeit. Und schließlich, auch der fehlgeschossene Torpedo wirft seinen Gewinn ab. Wenn nur jeder zweite traf, werden also doppelt so viel gebraucht. Warum sich da beeilen, einen besseren Torpedo zu schaffen?
In der deutschen Kriegsmarine wurde neben den G 7a, einfach A-Torpedos genannt, der G 7e, der E-Torpedo, verwendet. Der ältere A-Torpedo wird durch Pressluft angetrieben.  Er hat zwar eine längere Laufzeit und damit größere Reichweite, aber für den U-Boot-Einsatz ist er nicht besonders geeignet. Die austretende Pressluft hinterlässt nämlich an der Oberfläche des Wassers eine sichtbare Blasenbahn. Der Angegriffene kann also den Lauf des Torpedos verfolgen und ihm, zumindest am Tage, ausweichen. Diese Blasenbahn gibt zudem Aufschluss, aus welcher Richtung das getauchte U-Boot abgefeuert hat und erleichtert den Abwehrangriff.
Der normale Torpedo ist 7 Meter lang und hat einen Durchmesser von 53 Zentimetern. Der kleinste Teil davon ist der Sprengkopf. Er ist etwa einen Meter lang und wiegt 300 Kilogramm. In Deutschland hatte man nun, um der verräterischen Blasenbahn zu entgehen, eigens für die U-Boot-Waffe den E-Torpedo entwickelt. Der Antriebsmotor wird durch Akkumulatoren mit elektrischem Strom gespeist. An der Wasseroberfläche ist sein Lauf nicht zuerkennen. Seine Ausmaße entsprechen dem A-Torpedo. Bereits gegen Ende des ersten Weltkrieges wurden diese Torpedos eingesetzt, wenn auch noch vereinzelt und der mangelnden Zuverlässigkeit wegen gewissermaßen als Versuch, um Erfahrungen zu sammeln.
In den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg wurde intensiv an der Entwicklung des E-Torpedos gearbeitet. Doch alle Verbesserungen komplizierten den Mechanismus dieser Waffe. Vor allem musste er jetzt laufend gewartet werden, die Akkumulatoren waren nachzuladen und die Apparaturen zu überprüfen. Nach längerer Lagerung arbeitete die Antriebsmaschine ungenau. Am Anfang des Krieges konnte das nicht auffallen. Bei den Übungsschießen vor dem Kriege waren ja stets frisch hergerichtete Torpedos verwendet worden. Lief nun ein Boot aus, so musste der schussfertige Torpedo im Rohr gelagert werden. Nachdem man erkannt hatte, dass längeres Lagern Fehlschüsse verursachte, mussten die Torpedos auf "Feindfahrt" jeden Tag "gezogen" werden, das heißt, sie mussten zu Dreiviertel ihrer Länge aus den Rohren ins Boot gezogen, die Geräte überprüft und die Akkumulatoren kontrolliert werden. Das bedeutete eine anstrengende Mehrarbeit für die Besatzung.
An Stelle der allgemein bekannten Aufschlagzündung hatte man in Deutschland die im Sprengkopf befindliche Abstandspistole entwickelt. Detonierte der Sprengkopf nach dem Aufschlagen an der Bordwand eines Schiffes, so war dennoch die Wirkung geringer als bei einer Explosion unter dem Kiel, die den Schiffen gewissermaßen das Rückgrat brach. Diese Abstandspistole arbeitete mittels einer Magnetzündung. Lief ein Torpedo unter dem Schiffsboden in das magnetische Kraftfeld eines stählernen Schiffes wurde automatisch die Zündung ausgelöst. Die Wirkung wurde durch den Wasserdruck noch verstärkt. So hatte die Besatzung kaum eine Chance, ihr Schiff zu retten, Die Abstandspistole hatte gegenüber dem Aufschlagzünder, der zum Beispiel bei zu flachem oder spitzem Winkel nicht funktionierte, beträchtliche Vorteile.
Diese Abstandspistole musste für jedes Seegebiet entsprechend den Zonen und je nach Abstand von den magnetischen Polen eingestellt werden. Besondere Aufmerksamkeit war auf die genaue Tiefeneinstellung zu richten. Lief der Torpedo zu tief reichte das magnetische Kraftfeld nicht aus, den Zündkontakt zu betätigen, und er detonierte nicht. Lief er zu flach, war das Kraftfeld zu früh wirksam, und er detonierte vor dem Ziel. Hinzu kam, dass der Torpedo nach einem bestimmten Drucksystem in gleichbleibender Tiefe laufen sollte. Starke Wellenbewegungen sollte er zur Oberfläche ausgleichen, in Berg-und-Tal-Fahrt machte er den Wellengang mit, damit er auch wirklich das Ziel in der errechneten und festgelegten Tiefe ansteuerte.

Der von den deutschen U-Booten eingesetzte E-Torpedo hatte die Neigung, tiefer zu laufen, als er eingestellt war. Ein beträchtlicher Teil der Fehlschüsse war auf diesen Mangel zurückzuführen. Doch dies allein erklärte nicht das sprunghafte Ansteigen der Zahl versagender Torpedos.
Der deutschen U-Boot-Führung war lange Zeit nicht bekannt, dass britische Waffentechniker gegen diesen E-Torpedo eine wirksame Abwehr gefunden hatten. Der Zufall hatte ihnen dabei geholfen. Am 23. November 1939 war in der Themsemündung eine deutsche Magnetmine aufgefischt worden. Diese Mine zündete nach demselben Prinzip wie die Abstandspistole der E-Torpedos. Für einen Fachmann lag nach dieser Entdeckung der Gedanke nahe, dass wenn das Magnetkraftfeld der Schiffe zerstört würde, ein abgefeuerter Torpedo dieser Art wirkungslos bleiben musste. Auf flachem Grund wurden deshalb Kabel ausgelegt, die beim Stromdurchfluss ein Gegenkraftfeld erzeugten, das den Eigenmagnetismus der Schiffe, wenn sie wiederholt über die Kabel hinwegfuhren, für einige Zeit aufhob.
Zwischen Februar und März 1940 passierten alle britischen Schiffe diese "Entmagnetisierungsschleifen". Eine andere Abwehrmethode bestand darin, dass man um den Schiffskörper eine Kabelspule legte und durch elektrischen Strom ein Magnetfeld erzeugte. Magnetgezündete Sprengmittel wurden damit weit vom Schiff entfernt gezündet. Damit wurden die Torpedos mit ihren magnetisch zündenden Abstandspistolen wirkungslos. Die über hundert Torpedos vor Norwegen waren umsonst abgefeuert worden. Dönitz, der seine Pläne gefährdet sah, verlangte jetzt von der Seekriegsleitung kategorisch die Lösung der Torpedofrage. In der gesamten Kriegsmarine wurde bereits gemunkelt, dass sich U-Boot-Kommandanten, ja sogar ganze Besatzungen geweigert hätten, mit ihren Booten auszulaufen, weil mit den Torpedos nichts auszurichten war und sie nur ihr Leben aufs Spiel setzten. Das Murren unter den Besatzungen schwoll in der Tat derart an, dass es die U-Boot-Führung nur mit disziplinarischer Härte parieren konnte. Es kam zu ersten kriegsgerichtlichen Verhandlungen gegen Offiziere und Mannschaften der U-Boot-Waffe. Zur Tarnung wurden die Verhandlungen als Verfahren gegen grobe Disziplinverstöße geführt. Da man den U-Booten keine besseren Torpedos geben konnte, rüstete man sie fortan zur einen Hälfte mit den alten A-Torpedos, die an Stelle der Abstandspistole mit dem Aufschlagzünder versehen wurde, aus.
Erst im Sommer 1942 konnten die U-Boote mit funktionssicheren E-Torpedos ausgerüstet werden, dem sogenannten "Lut".
Ein weiterer neuer Torpedo war der "Zaunkönig". Dieser Torpedo besaß eine Geräuschmembrane, die die Steuerung beeinflusste. Das Geräusch, das eine Schiffsschraube verursachte, würde diesen Torpedo in das Ziel lenken, und Ausweichmanöver der Schiffe würden dadurch erfolglos bleiben. Der "Zaunkönig" verfolgte sein Ziel, bis er es erreichte und detonierte. Mit diesem Torpedo gab es zwar anfangs einige Überraschungserfolge, aber der Gegner fand das Arbeitsprinzip des Torpedos bald heraus und entwickelte wirkungsvolle Abwehrmethoden. Seine Schiffe hängten an einer langen Leine eine "Klappe" achteraus, die stärkere Geräusche als die Schiffsschrauben verursachten, oder wenn im Asdic-Gerät ein abgefeuerter Torpedo geortet wurde, stoppten sie sofort die Maschinen und stellten die Aggregate an Bord ab. Nicht selten kam dadurch das U-Boot, das den "Zaunkönig" abgefeuert hatte, selbst in Bedrängnis, weil dieser nun, einen Bogen laufend, die Schraube des U-Bootes ansteuerte.
Die große und immerwieder erhoffte Wende im Tonnagekrieg blieb letztendlich auch hierbei aus.

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