Durch die Deutsche Luftwaffe zerstörtes Rotterdam


Nachdem die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 die Niederlande überfallen hatte und dank 4.000 Mann Luftlandetruppen - die alle strategischen Punkte (Brücken, Flugplätze etc.) besetzten - dann blitzartig voran marschierte, stand bereits am 12. Mai die 9. Panzerdivision in den Vororten von Rotterdam, dem größten Hafen der Niederlande und einem wichtigen Handelszentrum. Die Verteidiger der Stadt wollten jedoch nicht aufgeben. Sie leisteten hartnäckigen Widerstand, als Generalleutnant Rudolf Schmidt am 14. Mai den niederländischen Stadtkommandanten Oberst Philip Scharroo warnte, wenn der Widerstand nicht eingesellt werde, würden die Deutschen ihn mit allen Mitteln brechen. "Dies kann die völlige Vernichtung der Stadt zur Folge haben", hieß es in Schmidts Kapitulationsaufforderung.
Das war keine leere Drohung. Hitler hatte befohlen, Rotterdam nötigenfalls wie Warschau durch Luftangriffe zur Kapitulation zu zwingen. 100 Flugzeuge vom Typ He 111 des Kampfgeschwaders 54, welches zur Luftflotte 2 unter dem Oberbefehl des Generals der Flieger Albert Kesselring gehörte, hatten bereits den Angriffsbefehl erhalten und sollten gegen 14 Uhr starten, falls Rotterdam bis dahin nicht kapitulierte. Die erste Angriffskolonne mit 57 Maschinen würde von Oberst Walter Lackner geführt werden. An der Spitze der zweiten würde Oberstleutnant Otto Höhne fliegen. Ihr Ziel war die holländische Kräftekonzentration in einem Dreieck unmittelbar nördlich der Maas, die sich durch Rotterdam windet.
Bei der Einsatzbesprechung waren die Bomberbesatzungen aufgefordert worden, auf unter ihnen aufsteigende rote Leuchtkugeln zu achten. Falls sie welche sahen, sollten sie den Angriff abbrechen. Leuchtkugeln bedeuteten, dass Rotterdam im Begriff war, sich zu ergeben.
Oberst Scharroo überbrachte Generalleutnant Schmidts Kapitulationsaufforderung seinem Vorgesetzten, dem holländischen Oberbefehlshaber General Henri Winkelmann. Die beiden niederländischen Offiziere entschieden sich für eine Hinhaltetaktik und forderten Verhandlungen mit dem deutschen Parlamentär, Oberstleutnant Dietrich von Choltitz. Um 13.50 Uhr, als Choltitz und Scharroos Parlamentär, sein Adjutant Hauptmann Bakker, zusammentrafen, liefen in 300 Kilometer Entfernung - weniger als eine Stunde Flugzeit von Rotterdam - bereits die Motoren von Lackners Kampfgeschwader 54 warm.
Die nun folgende Tragödie wurde durch unzulängliche Nachrichtenverbindungen ausgelöst. Schmidts Anhaltebefehl an die Luftflotte 2 - "Angriff wegen Verhandlungen verschoben" - wurde wegen Funkstörung erst um 14.15 Uhr übermittelt, als Lackners und Höhnes Maschinen längst gestartet waren. Die Funker der Luftflotte 2 konnten die Frequenz, auf der die Rotterdam anfliegenden He 111 zu erreichen waren, nicht finden, und als Kesselrings Oberkommando den Befehl an die Leitstelle des Geschwaders bei Bremen, die eine Verbindung hätten herstellen können, weitergeleitet hatte, war es bereits zu spät.
Um zu versuchen, das Kampfgeschwader 54 abzufangen, sprang der Ia der Luftflotte 2, Oberstleutnant Hans-Jürgen Rieckhoff, in Münster in eine Me 109 und jagte nach Rotterdam. Als er dort eintraf, hatte das Geschwader sich jedoch bereits zu zwei Angriffskolonnen formiert und befanden sich mit geöffneten Bombenklappen im Anflug auf die Hafenstadt.
Am Boden schossen Choltitz und seine Männer inzwischen mit verzweifelter Hast ganze Serien roter Leuchtkugeln ab. Aber obwohl die Leuchtsignale hoch in die Luft stiegen, waren sie nicht hell genug, um im Dunst und Qualm über der belagerten Stadt sichtbar zu sein. Nur einer der 100 deutschen Flugzeugführer erkannte "zwei kümmerliche Leuchtpatronen".
Das war Höhne selbst, der dann seinem Funker das Stichwort "Abdrehen" zurief, obwohl sein Bombenschütze und die dicht hinter ihm folgenden "Kettenhunde" ihre Bomben bereits geworfen hatten.
Die restlichen Maschinen von Höhnes Angriffskolonne drehte ab, aber Lackners Bomber hielt unbeirrbar aufs Zielgebiet zu und belegte es mit 97 Tonnen Sprengbomben. Die entstehenden Brände wurden durch leichte Winde angefacht und fanden in den alten Fachwerkhäusern reichlich Nahrung. Auch die Fettvorräte einer bombardierten Margarinefabrik gerieten in Brand und nährten die gewaltige Feuersbrunst. Es sollte drei Monate dauern, bis die letzte Glut erloschen war. Nach ersten Meldungen waren bei diesem Luftangriff 25.000 Menschen umgekommen. Tatsächlich hatte er weit weniger Todesopfer - 814 Menschen - gefordert, aber deutschen Luftwaffe wurde ein Terrorangriff zur Last gelegt. Ihr Ruf, rücksichtslos brutal und überwältigend schlagkräftig zu sein, verbreitete sich und steigerte die Angst der Zivilbevölkerung anderer Staaten vor den deutschen Fliegern.
Am Abend des 14. Mai 1940 befahl der holländische General Winkelman seinen Streitkräften, die Waffen niederzulegen. Königin Wilhelmina flüchtete an Bord eines britischen Zerstörers nach England. Die Festung Holland, von der die alliierten Generalstäbler gehofft hatten, sie werde sich wochenlang halten können, war innerhalb von fünf Tagen gefallen, nachdem deutsche Luftlandetruppen ihre natürlichen Verteidigungsbarrieren, die Flüsse und Kanäle, überwunden hatten.

Luftwaffenoffiziere bei Hitler


Quellen:
"Battle over the Reich" © 1973 by Alfred Price, Jan Allan Ltd., Shepperton,
"Die deutsche Luftwaffe im 2. Weltkrieg" Autorenkollektiv, Gondrom Verlag, 2001,
"Die großen Luftschlachten des Zweiten Weltkrieges" Autorenkollektiv, Neuer Kaiser Verlag, 2000,
Overy, Richard: "Die Wurzeln des Sieges". Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, Stuttgart/München © 2002,
Jablonski, Edward: "Terror from the Sky", Doubleday 1971,
Wilmot, Cherster: "Der Kampf um Europa". Schweizer Volks-Buchgemeinde, Luzern 1953,
Wood, Tony, und Gunston, Bill: "Hitler's Luftwaffe: A pictorial history and technical encyclopedia of Hitler's air power in World War II", Crescent Books o.J,

 

 

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