Kapitänleutnant
Günther Prien,
und das Ende Kretschmar`s und Schepke`s
Prien
(Foto) war ein HSO, so nannte man die Offiziere, die von der Handelsschiffahrt zur
Kriegsmarine gekommen waren. Die jugendliche Abenteuerlust hatte den
fünfzehnjährigen Prien zur Seefahrt gedrängt. Er lernte die Rechtlosigkeit
des Matrosen an Bord und den
Geiz der Kapitäne, die sich auf
Kosten der Mannschaft bereicherten, kennen.
Doch der junge Prien träumte nicht nur von sozialem Aufstieg, sondern er
verzichtete auch auf jede Freude, um das Geld für eine bessere Ausbildung
auszugeben, die ihn einmal über seine Bordkameraden emporheben
Die maritime Aufrüstung
Deutschlands erforderte eine Vielzahl qualifizierter Kräfte, deren
Ausbildungszeit durch die Übernahme von Handelsschiffsoffizieren abgekürzt
werden sollte. Prien witterte die Chance für eine Karriere, wie sie ihm die
zivile Schiffahrt nicht bieten würde. Er bewarb sich, wurde angenommen und
bedankte sich bei seinen neuen Herren, indem er seine soliden seemännischen
Kenntnisse in den Dienst der hitlerschen Aggression stellte. Seine
Bewährungsprobe legte er als Wachoffizier auf deutschen U-Booten ab, die bei
der Seeblockade gegen die spanische Volksfrontrepublik eingesetzt wurden. Seine
Leistungen fanden Beachtung und er erhielt das Kommando über ein U-Boot. Nach
fünfjähriger Dienstzeit avancierte er zum Kapitänleutnant. Von der
weltaufgeschlossenen Haltung eines Handelsschiffsoffiziers war bei ihm bald
nichts mehr zu spüren. Sein Weltbild und sein Denken wurden von der Propaganda
um "U-Weddigen" beherrscht. So galt er im Stab des FdU als einer der
fähigsten und zuverlässigsten U-Boot-Kommandanten.
Die oberste deutsche Führung
schenkte unter dem Eindruck des
Erfolges von U-47 der von Dönitz vertretenen Auffassung eines atlantischen
Zufuhrkrieges großes Interesse. Er hatte mit U-47 seinen Kontrahenten in den
Auseinandersetzungen um die beste Methode im Kampf gegen die Wirtschaft
Großbritanniens einen harten Schlag versetzt, "U-Prien" füllte auf
Wochen die Seiten der deutschen Presse. Man hätte endlich einen neuen
U-Boot-Helden, einen neuen Weddigen, der, wie es hieß, die "Ehre" der
deutschen Flotte in Scapa Flow wieder hergestellt, England die Faust gezeigt und
"Großdeutschlands Seegeltung" bewiesen habe, "U-Prien", der
"Stier von Scapa Flow".
Demonstrativ ließ Hitler Prien
und die Besatzung nach Berlin in die Reichskanzlei kommen. Er verlieh Prien als
erstem Marineoffizier das Ritterkreuz.
Der Rummel um Prien wollte kein
Ende nehmen. In jeder Dorfschule hing bald sein Bild. Er wurde zum Idol für die
Jugend gemacht. Die unheilvolle Tradition konnte fortgesetzt werden, Prien, der
"Weddigen von heute"!
Der einstige arbeitslose
Handelsschiffsoffizier hielt für Dönitz und Goebbels in Schulen und Lagern der
Hitlerjugend kriegsbegeisternde Vorträge über seine Fahrt nach Scapa Flow.
Sein Erlebnisbericht, den er von einem Propagandaoffizier niederschreiben ließ,
erschien noch vor Jahresende in hoher Auflage, weitere folgten in kurzen
Abständen. Der Grundtenor lautete: Angehöriger der U-Boot-Waffe zu werden
sollte das erstrebenswerte Ziel der Jugend sein.
Prien
war längst kein einfacher deutscher U-Boot-Offizier mehr, er war zum
Mitverantwortlichen, zum Repräsentanten des deutschen Militarismus geworden.
Beider Schicksale waren spätestens von diesem Zeitpunkt an untrennbar
verbunden. Und das gab später zu nicht verstummen wollenden Gerüchten und
Vermutungen Anlass, nach Prien zu fragen, später, in der Zeit als das Schweigen
um ihn begann.

U-47 unter
Günther Prien
Das Ende von Prien, Kretschmar und Schepke
Im
Frühjahr 1941 verlor die U-Boot-Waffe ihre drei populärsten
U-Boot-Kommandanten. Zunächst meldet sich ab den 8.03.1941 U-47 unter Prien
nicht mehr. Sein letzter Funkspruch war die Positionsangabe eines Geleitzuges
den er verfolgt hatte. Ab dem 17.03.1941 gaben auch Kretschmer U-99 und Schepke
U-100 keine Antwort mehr.
Nicht nur in der U-Boot-Führung, sondern auch in der Seekriegsleitung herrschte
starkes Unbehagen. Die drei erfolgreichsten U-Boote waren verloren gegangen. Die
Namen Kretschmer, Schepke und besonders Prien waren Aktivposten der
Goebbelsschen Propaganda. Presse und Rundfunk wurden nicht müde, diese drei
Kommandanten als Helden und Vorbilder für die Jugend zu preisen. Wie sollte man
den Verlust der Öffentlichkeit beibringen? Kretschmer, der
"Schützenkönig" – er wird zunächst einmal am 21. März
außerplanmäßig zum Korvettenkapitän befördert -, dessen Abschussergebnis
313.611 BRT betragen haben soll, Schepke, der einstige "Lochkriecher"
(U-Minenleger), der sich gern von den Kameraden "Seiner Majestät
bestaussehender Offizier" nennen ließ, waren nicht zurückgekehrt. Und
Prien, der Stier von Scapa Flow, der "Weddigen"!
Das alles war ein harter Schlag
wenigstens für die Propagandamacher und für die Produzenten von
Siegesnachrichten. Die drei Leitbilder des Rudels der "grauen Wölfe",
wie die Kriegsberichte die U-Boote nannten, vom Einsatz nicht zurückgekehrt.
Wahrlich, das warf selbst für das doch im Lügen gewiss routinierte
"Reichspropagandaministerium" komplizierte Probleme auf. Gab man die
Verluste zu, würde das Volk womöglich daraus schließen, dass das
"perfide Albion", wie England im Vokabular der faschistischen
Propaganda genannt wurde, wohl doch noch nicht so angeschlagen und der Endsieg
vielleicht doch noch nicht so nahe war, wie in Presse und Rundfunk immer wieder
behaupteten worden war. Also wurde zunächst der Verlust verschwiegen.
In den Werften, in den
Flottillen, in den einzelnen Stäben der Marine und allmählich auch bei den
anderen Einheiten auf See und an Land hörte das Tuscheln nicht mehr auf. Was
ist mit Prien, Kretschmer und Schepke?
Längst hatte die U-Boot-Führung Gewissheit, dass keines der Boote
zurückkehren wird. Die englische Presse berichtete von der Vernichtung dieser
Boote in Balkenüberschriften. Die Radiostationen verkündeten es aller Welt.
Der Verlust von U-47, U-99 und U-100 wurde daraufhin dem Oberkommando der deutschen
Wehrmacht gemeldet. Nun hätte die Versenkung im Wehrmachtbericht bekannt
gegeben werden müssen. Hier mischte sich Hitler ein. Er war der Meinung, dass
der Kriegsmoral des deutschen Volkes der
gleichzeitige Verlust seiner drei berühmtesten U-Boot-Kommandanten nicht
zugemutet werden könne. Er hatte befürchtet, der Schock, die moralische
Niederlage, würde zu groß sein. Nur der Verlust von U-99 und U-100 durfte
bekannt gegeben werden, in Sachen Prien erging folgender Befehl: "Der
Führer behält sich ausdrücklich vor, den Termin der Bekanntgabe zu
bestimmen."
Am 25. April 1941 wurde im
Wehrmachtbericht der Verlust von U-99 und U-100 eingestanden.
Doch damit waren die Fragen nach
Prien nicht aus der Welt geschafft. Ausweichend wurde Prien erst einmal
außerplanmäßig zum Korvettenkapitän befördert. Das beruhigte jedoch
keineswegs. Ganz im Gegenteil. Das Munkeln und Tuscheln schwillte zur Lawine an.
In keinem Hafen und in keiner Werft wurde U47 gesehen, und die ersten
Spekulationen und Vermutungen wurden anfangs zwar verhalten, aber bald immer
lauter ausgesprochen. Man hatte allenthalben von Konzentrationslagern gehört,
und einige wollten wissen, dass Prien und seine Besatzung hinter dem
Stacheldraht eines solchen Lagers verschwunden wären. Prien und seine Besatzung
hätten gemeutert, weil die Torpedos dauernd versagten. Sie
Mit der Verschweigtaktik erreichte man schließlich das Gegenteil. Hatte
die Propaganda aus Prien einen
"Volkshelden" gemacht, reagierte das "Volk" auf das
beharrliche Schweigen absolut logisch: jene, die über Priens Verbleiben
schwiegen, mussten also allen Grund dazu gehabt haben. Hatten sie ihn selbst zum
Schweigen gebracht? Jeder Deutsche wusste ja
zu dieser Zeit, dass es nichts
Außergewöhnliches war wenn eine Person über Nacht auf Nimmerwiedersehen
verschwand. Wer gegen Hitler gegen den Krieg und gegen die Nazis war, verschwand
von der Bildfläche des täglichen Lebens. Warum sollte es mit Prien anders
sein?
Nachdem die deutschen Führer
begriffen hatten, was mit dem Schweigen um Prien angerichtet worden war, kamen
sie nicht mehr umhin, den Verlust von U47 bekannt zugeben. So war dann im
Wehrmachtbericht vom 23. Mai 1941 siebenundsiebzig Tage nach dem letzten
Funkspruch Priens, der lakonische Satz zu lesen, dass "das von
Korvettenkapitän Prien geführte Unterwasserboot von seiner letzten
Unternehmung nicht zurückgekehrt ist".
Im folgenden Monat wurde die
Sowjetunion überfallen und neue Siegesmeldungen sollten vom Nachdenken über
das Schicksal Priens ablenken. Der wahre Zweck der Verschweigtaktik wurde hierin
offenbar.
Doch das gelang nur zeitweise.
Die Gerüchte um Prien verstummten nicht. Bis zum Kriegsende und noch darüber
hinaus wurde unentwegt gemunkelt. Man hatte die Unsterblichkeit des
"Helden" so
hoch gepriesen, dass sein
normaler Kriegstod, gerade durch das lange Verschweigen, zur Unglaubwürdigkeit
wurde.
In einem 1946 von der britischen
Admiralität veröffentlichten Bericht wird das Ende der drei Boote wie folgt
geschildert: "Im Laufe des Monats März wurden jedoch sechs U-Boote im
Nordatlantik vernichtet, unter ihnen die drei der bewährtesten Kommandanten.
Priens Boot wurde durch Wasserbomben des Zerstörers "Wolverine" am 8.
März versenkt. Es
gab keine Überlebenden. Am 17.
März, drei Uhr morgens, wurde Schepkes Boot nach einer Wasserbombenverfolgung
zum Auftauchen gezwungen und von dem Zerstörer "Vanoc" gerammt und
versenkt. Schepke selbst wurde durch den Bug der "Vanoc" zwischen der
zerbeulten Brücke und dem Sehrohrbock eingequetscht und getötet. Eine halbe
Stunde später erlitt Kretschmers U-99, das mit U-100 zusammen operierte, das
gleiche Schicksal durch den Zerstörer "Walker". Kretschmer selbst
geriet lebend in Gefangenschaft."
Quelle: Paul Herbert Freyer "Der Tod auf allen Meeren"