von Torsten Migge

 

 

                     

 

Das Massaker an 642 Männern, Frauen, Greisen, Kindern und Babys
Der Prozess in Bordeaux 1953
Oradour-sur-Glane - ein Hort des Widerstandes?
Legenden und unter Verschluss gehaltene Akten?
Partisanen b.z.w. Maquis und das Völkerrecht
Moralische Bedenken am Widerstand gegen Raub- und Vernichtungskrieg?
Lammerding's Zivilklage von 1965
Quellen:

 

Oradour-sur-Glane vor der Zerstörung

 

Das Massaker an 642 Männern, Frauen, Greisen, Kindern und Babys

Frankreich 1944, Zweiter Weltkrieg:
Anfang Juni 1944 stieß das III. Bataillon des SS-Panzergrenadierregiments 4 "Der Führer", zugehörig zur 2. SS-Panzerdivision "Das Reich" des SS-General Heinz Lammerding, von St. Léonard kommend auf Guéret vor. SS-Sturmbannführer Kämpfe, der Kommandeur, hatte Order erhalten, die in jener Stadt von Widerstandskämpfern eingeschlossene Garnison zu befreien. Auf den Marsch ereignete sich ein Zwischenfall, der in der nachträglichen Selbstdarstellung des Regiments "Der Führer" so nachgezeichnet wird: Der Panzerkolonne Kämpfes seien ein oder zwei Lastkraftwagen mit bewaffneten Franzosen entgegengekommen, die das Bataillon angegriffen hätten. Daraufhin habe man das Feuer "aus allen Rohren" erwidert, aber erst dann tragischerweise bemerkt, dass sich in den Fahrzeugen gefangengenommene deutsche Offiziere und Stabshelferinnen befanden. Ein bis zwei Deutsche seien bei dem Feuergefecht getötet, eine in deutschen Diensten stehende Französin schwer verletzt worden.
Was dieser Bericht verschweigt, ist, dass Kämpfe bei diesem Intermezzo 29 Partisanen in die Hände gefallen waren, die zu vogelfreie Banditen erklärt und vor Ort niedergemetzelt worden waren.
Indes setzte die Truppe ihren Marsch nach Guéret fort. Als Kämpfe und seine Panzer dort eintraf, hatte sich ihre Mission bereits erledigt. Die Stadt war schon wieder in der Hand der deutschen Besatzer, so dass man nach kurzem Zwischenaufenthalt wieder den Rückweg nach St. Léonard antrat.
Auf dem Rückweg des III. Bataillons ereignete sich etwas, das für das Schicksal der französischen Stadt Oradour-sur-Glane gravierend sein sollte. SS-Sturmbannführer Kämpfe überholte ohne jeden Begleitschutz mit seinem "Talbot" die Panzerkolonne und fuhr mit hoher Geschwindigkeit voraus. Es war das letzte mal, dass Kämpfe von seinen Untergebenen gesehen worden war. Minuten später entdeckte der nachfolgende Trupp das leere Kommandeursfahrzeug mit laufendem Motor am Straßenrand. Die Kolonne wurde gestoppt, man nahm die Suche nach dem Bataillonschef auf. Die stundenlange Fahndung blieb ohne Erfolg, von Kämpfe fand sich keine Spur mehr. Man vermutete, dass Kämpfe von Widerstandskämpfern entführt wurde und wollte dafür Rache.
Als erste Vergeltung wurden zwei französische Bauern erschossen, deren Gehöft sich zufällig in der Nähe des von Kämpfe verlassenen Wagens befand. Den beiden Unglücklichen wurde nicht einmal unterstellt, zu dem Verschwinden des Bataillonskommandeurs in irgendeiner Beziehung zu stehen. Die Rache größerer Dimension, das Blutbad von Oradour, sollte am folgenden Tage stattfinden.

Am 9. Juni 1944 traf die 3. Kompanie des I Bataillons (Bataillonskommandeur: SS-Sturmbannführer Diekmann) des Panzergrenadierregiments 4 "Der Führer" in St. Junien ein. Für den 10. Juni war eine Marschpause angekündigt worden. Doch bereits am Vormittag des vermeintlichen Ruhetages wurde der Kompaniechef Otto Kahn und dessen Zugführer überraschend zum Bataillonskommandeur befohlen. Diekmann empfing die Offiziere der 3. Kompanie im Bahnhofshotel von St. Junien, Hotel de la Gare, wo er sich einquartiert hatte. Nachdem die Offiziere Platz genommen hatten, ordnete der Bataillonskommandeur an, unverzüglich die Marschbereitschaft der 3. Kompanie herzustellen. Mittag habe sie nach Oradour-sur-Glane anzurücken, den Ort niederzubrennen und ohne Ausnahme alle Personen, vom Säugling bis zum Greis, zu vernichten.
Der Kompaniechef der 3. Kompanie, Otto Kahn, sagte nach dem Krieg in einem Dortmunder Ermittlungsverfahren aus: "Diekmann eröffnete mir, dass als Befehl die Niederbrennung und Vernichtung des Dorfes Oradour eingegangen sei, was ich auszuführen hätte." (Staatsanwaltschaft Dortmund, Aktenzeichen 45 Js 2/62)

Der kleine Ort Oradour-sur-Glane, 22 Kilometer nordwestlich der Stadt Limoges gelegen, war bis dahin von den Wirren des Zweiten Weltkrieges kaum berührte. Wären da nicht ein paar vor den deutschen Besatzern geflüchtete Juden und Evakuierte aus den vom Krieg betroffenen Teilen Frankreichs gewesen, hätte man sich auf einen ruhigen Sommer vorbereiten können, mit ein paar Fremden in den zwei Hotels und den wenigen privaten Pensionen des Ortes.
In den Mittagstunden des 10. Juni 1944, gegen 14 Uhr,  kamen 150 Mann der SS-Division "Das Reich" in Oradour an und umstellten den Ort. Kaum eine Stunde später trieben die SS-Leute alle Einwohner auf dem Marktplatz zusammen.
Die Häuser waren weitgehend leer. Nur wenige Einwohner konnten sich verstecken, unter ihnen drei Kinder einer jüdischen Familie, die in Oradour Zuflucht gefunden hatten, Jaqueline Pinede, ihre Schwester Francine und ihr Bruder Andre, sowie der siebenjährige Roger Godfrin. Er war der einzige Schüler von Oradour, der das Massaker überlebte.
Wer zu krank war, um auf den Marktplatz zu gehen, wurde gleich in seinem Haus erschossen. Eine Stunde lang mussten die Bewohner auf dem Marktplatz stehen, dann wurden die Frauen und Kinder von den Männern getrennt und in die Kirche weggeführt. Die Männer wurden in mehrere Scheunen getrieben, dann eröffneten die SS-Männer das Feuer. Nicht alle waren gleich tot. Viele starben erst in den Flammen, nachdem die Soldaten Stroh und Reisig auf die Leichenberge getürmt und diese angezündet hatten. In einer Scheune überlebten sechs Männer das Massaker und konnten fliehen. Doch der Erste war zu früh dran und wurde von den SS-Männern an der Friedhofsmauer erschossen, wo man ihn am nächsten Tag fandt.
Einer der fünf davongekommenen, Robert Hebras, erzählte später: "Mein linker Arm und meine Haare haben schon gebrannt. Es war ein furchtbarer Schmerz, deshalb musste ich aus der Scheune hinaus . . . Dann haben wir uns in der Scheune dahinter versteckt. Da kamen zwei SS-Leute herein. Einer stieg auf eine Leiter und hat das Stroh dort mit Streichhölzern angesteckt . . . Wir sind dann aus der brennenden Scheune in die nächste gekrochen. Es gelang uns aber nicht, aus dem Ort hinauszukommen. Wir haben uns dort in Kaninchenställen verborgen. Auch die begannen schließlich zu brennen. Ungefähr um sieben Uhr abends haben wir uns hinausgewagt . . . Ich bin dann weitergelaufen in Richtung Friedhof und von dort in die Felder. Sie haben mich nicht entdeckt. Von dort sah ich, dass alle Häuser in Flammen standen. Ganz Oradour brannte."

In die Kirche, in der die Frauen mit den Kindern eingeschlossen waren, trugen die SS-Männer eine Kiste, die offensichtlich eine Gasbombe enthielt. Beißender, stechender Rauch verbreitete sich nach der Explosion. Dann feuerten die SS-Männer von der Kirchentür aus mit Maschinengewehren in die Menge und warfen Handgranaten. Nur eine Frau konnte sich von all den Frauen und Kindern Oradours, die man in der Kirche zusammengetrieben hatte, retten, die 47-jährige Bäuerin Marguerite Rouffanche. Bei ihrer Vernehmung vor einem französischen Untersuchungsrichter sagte sie am 13. November 1944: "Eineinhalb Stunden blieben wir voller Angst in der Kirche und warteten auf das Schicksal, das man uns bereitete. Ich hatte meine beiden Töchter und den sieben Monate alten Guy bei mir. Neben mir schlief meine fünfjährige kleine Nichte ein . . . Nach eineinhalb Stunden öffneten die Deutschen die Tür. Zwei bewaffnete Deutsche trieben die Frauen und Kinder auseinander, um zwischen ihnen hindurchgehen zu können. Sie stellten eine etwa 80 Zentimeter lange Kiste vor dem Altar am Ende des Kirchenschiffes auf . . . Kurz danach gingen die Deutschen wieder hinaus, ohne ein Wort gesagt zu haben. Einige Augenblicke später ging von der Kiste eine kleine Explosion aus. Schwarzer, beißender und stechender Rauch kam heraus, der die ganze Kirche durchzog. Die Menschen bekamen Erstickungsanfälle . . . Ich flüchtete mit meinen zwei Töchtern und dem Enkelkind in die Sakristei. Da begannen die Deutschen, Feuerstöße in die Fenster der Sakristei abzugeben. Meine jüngste Tochter Andree wurde neben mir durch Kugeln getötet, die ihre Halsschlagader durchschlagen hatten."
Marguerite Rouffanche gelang es, nachdem die Kirche in Brand gesetzt worden war, durch ein Fenster zu flüchten. Bei ihrer Einvernahme schilderte sie die bangen Minuten: "Als ich die Flammen sah, lief ich aus der Sakristei und versuchte, hinter dem heiligen Altar Schutz zu finden. Ich nahm den Gebetsschemel, der beim Gottesdienst verwendet wird, und stieg darauf, um das Fenster zu erreichen. Von dort sprang ich hinunter . . . Hinter mir erschien Madame Joyeux am Fenster und wollte mir ihr sieben Monate altes Baby reichen. Ich konnte es aber nicht fassen. Dann wurde geschossen, und in diesem Moment scheint Madame Joyeux getötet worden zu sein . . . Von da aus flüchtete ich sofort in das Erbsenbeet des nahe gelegenen Gartens. Als ich mich in das Erbsenbeet fallen ließ, wurde ich mit einem Maschinengewehr beschossen. Fünf Kugeln trafen mich an den Beinen und an der Schulter. Das Schulterblatt wurde mir zerschmettert. Ich war zwischen die Stangen des Erbsenbeetes gefallen. Dort blieb ich liegen bis zum Sonntag, den 11. Juni, 16 bis 17 Uhr." Die Leichen von Madame Joyeux und ihrem Baby waren unter den wenigen, die nach den Massakern von Oradour identifiziert werden konnten.

Ruinen in Oradour-sur-Glane

642 Menschen, darunter 240 Frauen und 213 Kinder, wurden an diesem Samstagnachmittag niedergemetzelt und verbrannt. Das älteste Opfer war die Witwe Marguerite Foussat, die zwei Monate später 91 Jahre alt geworden wäre. Das jüngste Opfer war der am 2. Juni 1944 geborene Yves Texier, der gerade einmal acht Tage alt geworden war. 20 der ermordeten Kinder waren nicht einmal ein Jahr alt, fünf Männer und sechs Frauen waren älter als 80 Jahre.
Die Deutschen hatten auf ihrer Seite (zunächst) einen Verwundeten: und zwar SS-Untersturmführer Gnug, der beim Einsturz des Kirchturms von einem Stein am Kopf getroffen wurde (er erlag etwas später seiner Verletzung). In dem am 11. Juni 1944 von Standartenführer Stadler diktierten "Tagesbericht für den 10./11.6.1944" für das Panzergrenadier-Regiment 4 "Der Führer" heißt es bezüglich Oradour: "Ergebnisse: 548 Feindtote - 1 eigene Verwundete".
Bevor die SS-Division das ganze Dorf in Brand steckte, wurde noch geplündert, was zu plündern war. Von Oradour blieben nur Ruinen übrig, wie auf den Tag genau zwei Jahre zuvor von der tschechischen Ortschaft Lidice, wo ebenfalls falsche Partisanenbeschuldigungen b.z.w. die Rache auf das Attentat auf Heydrich für ein Massaker gesorgt hatten.

Der Altar in der Kirche

Zerstörte Kirche

Strassenzug mit Ruinen

3.000 Kilometer von Oradour entfernt, starben am selben Tag, dem 10. Juni 1944, im griechischen Dorf Distomon 218 Einwohner, die von Soldaten der 4. SS-Polizei-Panzergrenadierdivision erschossen wurden, bevor ihr Dorf in Flammen aufging. Der älteste Mann war 86 Jahre alt. Das jüngste Baby war zwei Monate. Dem Ortspfarrer wurde der Kopf abgehackt. Anschließen wurde Distomon in Brand gesetzt. Im Beinhaus des kleinen Ortes in Mittelgriechenland stehen heute in Fächern - nach griechischer Totensitte - die Schädel der 218 Opfer. Kommandeur der Division war SS-Standartenführer Walter Harzer. Dieselbe Truppe hatte zwei Monate vorher den griechischen Ort Klissura eingeäschert und vorher 215 Menschen erschossen.
Solche Massaker an der Zivilbevölkerung geschahen überall, wo die Waffen-SS, aber auch die Wehrmacht Terror übte: Der holländische Ort Putten wurde - auch wieder als Vergeltungsaktion - auf Befehl des Luftwaffengenerals Friedrich Christiansen am 1. Oktober 1944 niedergebrannt. Die 660 Männer kamen in das Konzentrationslager Neuengamme. 540 von ihnen wurden dort ermordet.
Der italienische Ort Marzabotto südlich von Bologna war in der selben Zeit von der Panzeraufklärungsabteilung 16 der Panzer-Grenadier-Division "Reichsführer SS" neunzehn Tage lang Mordplatz für 1.830 Menschen gewesen. Ein 92 jähriger Mann wurde ebenso erschossen wie ein 20 Tage altes Kind. In der Kapelle des Ortsteiles Cerpiano wurden 21 Kinder und 35 Frauen umgebracht, die Kapelle anschließend zerstört. Den Mordbefehl gab der SS-Sturmbannführer Walter Reeder.
Die 117. Jägerdivision ermordete im griechischen Dorf Kalavrita am 13. Dezember 1943 die 511 männlichen Einwohner. Der Ort wurde wie üblich in Brand gesteckt. Die Täter, Wehrmachtssoldaten, ließen sich vor den qualmenden Trümmern fotografieren.
Wieviel Dörfer in der Sowjetunion ausgelöscht worden sind, wo Wehrmacht und SS am grausamsten handelte ... ? Es waren tausend Oradours.

 

Der Prozess in Bordeaux 1953

Die Empörung über das Massaker von Oradour war in Frankreich so groß, dass selbst das mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime des greisen Marschalls Petain beim deutschen Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, protestierte. Die von SS-Divisionsrichter Detlef Okrent aufgenommenen Ermittlungen wurden aber bald eingestellt. SS-Bataillonskommandant Diekmann fiel bei den Kämpfen in der Normandie, sein Untergebener Heinz Barth wurde verletzt und verlor ein Bein.

Die ersten Ermittlungen zum Verbrechen von Oradour-sur-Glane wurden noch während des Kriegs von der SRCGE (Service de recherche des crimes de guerre ennemis), und hier insbesondere von Guy Pauchou, durchgeführt. Als Beweisdokumente für "Kriegsverbrechen gegen Kriegsgefangene und Zivilisten" war das Massaker Gegenstand der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, auch wenn sich unter den Angeklagten keine Beteiligten an diesen Taten befanden. Als Bestandteil des Beweisvortrages der französischen Anklage wurde der von der SRCGE noch für die Vichy-Regierung erstellte Bericht über das Massaker verlesen, der das damalige Geschehen ohne Beschönigungen darstellt.
Doch erst im Jahre 1953 fand in Bordeaux der erste Prozess um Oradour statt. Er begann am 12. Januar 1953. Angeklagt waren 21 anwesende und 44 flüchtige Personen der 2. SS-Panzerdivision. 14 der Angeklagten stammten aus dem Elsass und waren zum überwiegenden Teil in die SS zwangsverpflichtet worden. Unter den "Flüchtigen" waren unter anderem die Befehlshaber, also Lammerding und Kahn (auch Zugführer Heinz Barth). Die übrigen Beteiligten waren entweder bei späteren Kämpfen gefallen oder konnten nicht ermittelt werden.
Am Ende des Prozesses in Bordeaux wurden zwei der Anwesenden zum Tode verurteilt (Boos und Lenz), Lammerding, Kahn u. Barth und alle anderen abwesenden Personen wurden zum Tode verurteilt. Das ergibt insgesamt 46 mal die Todesstrafe (2 anwesende u. 44 flüchtige Personen). Die übrigen bekamen Zwangsarbeit bzw. Gefängnisstrafen zwischen 5 u. 12 Jahren.

Die Bundesregierung versuchte das Verfahren zu hintertreiben (Adenauer schickte höchstpersönlich seinen Schwiegersohn als Verteidiger nach Bordeaux) und verweigerte mit Verweis auf Art. 16 Abs. 2 des Grundgesetzes, nach dem kein Deutscher an andere Länder ausgeliefert werden darf, die Überstellung der in Deutschland lebenden Angeklagten, so auch Lammerdings, dessen Aufenthalt bekannt war: Zunächst war er Chefingenieur einer Baufirma in Düsseldorf, dann bekam er Wind davon, dass die britische Besatzungsmacht einen Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte, um ihn nach Frankreich auszuliefern. Lammerding zog nach München, die Amerikaner halfen ihm beim untertauchen. Ab Oktober 1954 lebte er dann in Dortmund und hatte sein eigenes Bauunternehmen - lukrativster Geschäftspartner: die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen.
Dennoch gab es in den sechziger Jahren auch in Deutschland in Sachen Oradour-sur-Glane ein Ermittlungsverfahren der Dortmunder Zentralstelle für die Bearbeitung nationalsozialistischer Massenverbrechen, in dem Lammerding, Stadler, Kahn, Okrent und Weidinger dem 1944 gefallenen Diekmann alles in die Schuhe schoben.

Der Prozess in Bordeaux 1953 löste allerdings unter den elsässischen Politikern und der elsässischen Bevölkerung Proteste aus, da man meinte, die elsässischen Angeklagten könne man nicht in der gleichen Weise vor Gericht stellen, wie die deutschen, denn schließlich seien sie zwangsweise zur Waffen-SS rekrutiert worden (was nicht ganz den Tatsachen ensprach, denn beispielsweise trat der Angeklagte Boos eigenen Angaben zur Folge 1942 freiwillig der Waffen-SS bei). Im französischen Parlament gab es heftige Debatten. Eine starke Lobby elsässischer Politiker und Juristen, mit Pierre Pflimlin an ihrer Spitze, bezweckte unter anderen das in Frankreich seit 1948 gültige Kriegsverbrechergesetz, das vorschrieb, alle Verbrecher, egal welcher Nation, haben sich gleichermaßen vor Gericht zu verantworten, zu Fall zu bringen. Bei all den Disputen befürchtete die französische Nationalversammlung, wenn alle elsässischen Angeklagten in gleicher Weise wie die deutschen vor Gericht stünden, dass die bis dahin schwache Autonomiebewegung des Elsass neuen Aufwind bekäme, jedenfalls ergaben das tagtägliche Berichte über die Stimmung im Departement an den Innenminister.
Aber auch für die Politiker Frankreichs und Deutschlands - der USA sowieso - war im Klima des Kalten Krieges und der Wiederaufrüstung Westeuropas, wozu man die alten Kämpfer mit ihren Erfahrungen schließlich brauchte, der Prozess eher unerwünscht und schien der Aussöhnung der Völker eher hinderlich. Diesbezüglich sagte der elsässische Rechtsanwalt Schreckenberger in seinem Plädoyer : "Wir arbeiten an der Verwirklichung eines Traumes, an der Errichtung eines vereinten Europas. Diesem Ziel muss auch der Freispruch der SS von Oradour dienen!"
Entsprechend lax ging der vorsitzende Richter, Nussy Saint-Saëns, insgesamt gesehen während des Prozesses vor, schnitt Belastungszeugen das Wort ab, ließ hingegen Entlastungszeugen stundenlang unbedeutende Reden schwingen, etc. - verwies sogar einer empörten Delegation Oradours (des neuen Oradour) des Gerichtssaales! 
Der Prozess war insgesamt eine Farce.

Am 28. Januar 1953 verabschiedete dann das Parlament in Paris nach einer Debatte mit 372 zu 179 Stimmen einen Gesetzesentwurf, der die gemeinsame Anklage von Deutschen und Franzosen für unzulässig erklärte. Somit wurde fortan das Verfahren in Bordeaux formal getrennt geführt: Strafanträge, Beweisaufnahmen und Plädoyers wurden für die deutschen und für die französischen Angeklagten separat vorgetragen, die Urteile getrennt verkündet, etc. Am 11. Februar 1953 verlas der vorsitzende Richter ein Todesurteil, fünf Haftstrafen und einen Freispruch für die deutschen Angeklagten, sowie ein Todesurteil und 13 geringfügig geringere Freiheitsstrafen für die französischen Mitangeklagten.
Diese Urteile gegen die Angeklagten lösten weitere heftige Proteste aus: In Limoges demonstrierten die Organisationen ehemaliger Widerstandskämpfer gegen die zu milden Urteile! Die Elsässer demonstrierten ihrerseits am Kriegerdenkmal in Straßburg, darunter Abgeordnete, Bürgermeister und Gemeinderäte gegen die unzumutbare Härte der Urteile. In und um Colmar gaben das Läuten der Kirchenglocken und das Geheul der Fabriksirenen das Signal zu einem Proteststreik der Arbeitnehmer: Einem Aufruf der christlichen Gewerkschaften folgend, legten sie für eine Viertelstunde die Arbeit nieder und brachten den öffentlichen Verkehr zum Erliegen. Gleichzeitig drohten die elsässischen Bürgermeister mit einem Verwaltungsstreik. Eine neue Partei mit dem Namen "Mouvement Populaire Alsacien" sagte dem Pariser Zentralismus den Kampf an.
Diese Proteste blieben nicht ohne Wirkung! Am 19. Februar 1953 wurde der Entwurf für ein Amnestiegesetz mit 319 zu 211 Stimmen verabschiedet, so dass alle französischen Verurteilten umgehend auf freien Fuß gesetzt wurden. Aber auch alle deutschen Verurteilten wurden kurze Zeit später Deutschland übergeben und dort frei gelassen.

Der Prozess in Bordeaux

Übrigens: Der letzte Mörder von Oradour deren man habhaft werden konnte, wurde am 7. Juni 1983 in der ehemaligen DDR in Berlin zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Es handelte sich um Zugführer Heinz Barth, der nur deshalb noch als alter Mann den Ermittlern ins Netz ging, weil er sich nach Kriegsende in seinem Geburtsort Gransee niederließ. Dort machte er als Textilkaufmann Karriere und lebte bis zu seiner Verhaftung unbehelligt - selbst seiner Ehefrau und seinen Kindern war bis dato seine Vergangenheit unbekannt.
Nach 16 Jahren Haft wurde auch Barth wegen Krankheit auf Bewährung entlassen, zumal er, wie es im Entlassungsbeschluss heißt, seine Handlungen bereut. Er hat auch nach seiner Entlassung erfolgreich eine Kriegsversehrtenrente eingeklagt, da er (nach seiner Mordbeteiligung von Oradour) bei den Endkämpfen in Frankreich ein Bein verlor. Heinz Barth verstarb am 6. August 2007.

 

Oradour-sur-Glane - ein Hort des Widerstandes?

Immerwieder wurde behauptet, in dem Ort Oradour-sur-Glane hätte sich ein Partisanenstützpunkt befunden und dass die Partisanen im Ort Sprengstoff versteckt hatten, so in der Kirche, die dann letztendlich ausversehen explodierte.
Diese Version erfand der Regimentskommandeur Sylveste
r Stadler um sich nach dem Krieg bei der Vernehmung vor dem Dortmunder Staatsanwalt herauszureden. Er behauptete, am Morgen des 10 Juni 1944 über Informationen verfügt zu haben, wonach sich in Oradour ein Partisanenstab befand und für den Nachmittag die öffentliche Verbrennung des entführten Obersturmbannführers Kämpfe geplant gewesen sei. Daher habe Diekmann befohlen, Kämpfe zu befreien oder möglichst viele Gefangene (zwecks späteren Austausches) zu machen.
Des weiteren behauptete Stadler, am Morgen des 9. Juni den Ordonnanzoffizier Gerlach beauftragt zu haben, für die Sturmgeschützabteilung in Nieul Quartier zu machen. Dieser sei mit drei PKW und insgesamt 6 Mann abgefahren. Auf der Rückfahrt von Nieul habe Gerlach festgestellt, dass die beiden anderen Wagen zurückgeblieben waren. Daher ließ er seinen Fahrer wenden. Nach kurzer Zeit sei er von einem Lkw gestoppt worden, in dem sich 6 bis 8 Männer befunden hätten. Die Partisanen hätten ihn mitgenommen, misshandelt und ihnen die Uniform vom Leib gerissen. Um nicht erschossen zu werden, habe sich Gerlach als Ordonnanzoffizier zu erkennen gegeben, der gegenüber dem Führer der Partisanen wichtige Aussagen machen könnte. Beide seien unter Bewachung nach Oradour gefahren worden. Dabei habe Gerlach viele uniformierte Partisanen, sogen. Maquis, darunter auch Frauen, in gelben Lederjacken und Stahlhelmen gesehen. Die Bevölkerung Oradours sei sehr Feindselig gewesen. Die Partisanen brachten sie wieder aus dem Ort heraus um sie erneut zu misshandeln, Gerlach und sein Kamerad nahmen aus den Gesten der Maquis an, dass sie erschossen werden sollen. Der Fahrer Gerlachs hätte sich deswegen geweigert, in den Wald zu gehen, und in den dabei entstandenen Handgemenge, das Gerlach zur Flucht genutzt habe, sei der Fahrer erschossen worden. Am 10. Juni sei Gerlach in Unterwäsche wieder bei ihm, Stadler, eingetroffen.
Gerlach sagte selbiges gegenüber dem Hamburger Anwalt Dr. Meyerdess aus. Jedoch verwickelten sich Stadler und Gerlach in Widersprüchen. In Oradour seien dann die Frauen und Kinder zur Sicherheit vor den bevorstehenden Kämpfen in die Dorfkirche gebracht worden. In den Wohnhäusern fand man angeblich Waffen und Sprengstoff. Darauf seien die Häuser angezündet worden; die Kirche fing irgendwie Feuer und da auch dort ein größeres Sprengstofflager war, explodierte sie.

Die späteren Zeugenaussagen der Überlebenden des Massakers von Oradour und insbesondere der Angeklagten selbst, bei den Prozessen in Bordeaux 1953 und in Berlin (DDR) 1983 (gegen Zugführer Barth) waren indes Erdrückend. Barth sagte am 30. Mai 1983 in der Hauptverhandlung vor dem Berliner Stadtgericht beispielsweise: "Diekmann befahl uns, über das Geschehen der letzten Stunden Stillschweigen zu bewahren. Falls es doch zur Sprache käme, sollten wir sagen, es habe Widerstand gegeben, im Zuge der Abwehr sei alles in Flammen aufgegangen und die Menschen getötet worden. Warum Diekmann das so darstellte, sagte er nicht. Unsere Leute nahmen das zur Kenntnis, keiner opponierte dagegen. Ich unterrichtete so die Gruppenführer und diese die Mannschaften, und fortan wurde in der Weise über Oradour gesprochen." Weiter sagte Barth: "Bei der Durchsuchung fanden wir keine Waffen und Munition, von anderen Gruppen hörte ich das auch nicht". Und: "Als wir im Dorf die LKW verlassen hatten, fuhren diese ungesichert wieder zurück - so lautete der Befehl des Bataillonskommandeurs. Es wäre nicht gerechtfertigt gewesen, so zu handeln, wenn man mit Widerstand rechnete."
Auch SS-Divisionsrichter Detlef Okrent musste 1963 vor der Staatsanwaltschaft Dortmund eingestehen, "dass von einem Widerstand bei dem Vorrücken auf die Siedlung keine Rede gewesen sein kann".  
Die Geschichte von Stadler und Gerlach wurde nicht nur widerlegt sondern ad absurdum geführt!

Hierzu sei auch ein von General Gleiniger unterschriebenes Dokument angeführt, welches eindeutig aufzeigt, dass die Behauptungen, Frauen und Kinder seien zum Schutz in die Kirche gebracht worden, die dann durch vom Widerstand versteckten Sprengstoff explodierte, Erfindungen der SS waren:


An Hauptverb. Stab 588

Betr.: Vorgänge in Oradour sur Glane.

In der Stadt Limoges und auf dem Lande hatte sich eine gewaltige Erregung der Bevölkerung bemächtigt, so dass es ratsam erschien, dagegen etwas zu tun:
Durch die Mil. Zensurstelle wurde durch etwa 500 V.-Männern die Version mündlich verbreitet, dass die Frauen und Kinder zu ihrem Schutz in die Kirche gebracht worden seien, die aus irgendwelchen Gründen Feuer gefangen habe, und dadurch sei ein Munitions- und Sprengstofflager in die Luft geflogen, das von den Terroristen dort eingerichtet worden sei.
gez. Gleiniger

 

 

Des weiteren hierzu einige Auszüge aus den Vernehmungen der Angeklagten im Prozess in Bordeaux 1953, die den SS-Legenden widersprechen:

Angeklagter Boos (auf die Frage des Vorsitzenden welche Brandsätze verwendet wurden): "Wir haben Handgranaten gehabt. Wir haben auch geballte Ladungen hergestellt, immer eine Handgranate in die Mitte und die anderen drum herumgebunden. Die haben wir dann in die Häuser geworfen."

Angeklagter Graff: "Wir sahen drei Frauen hinter einer Hecke versteckt. Meine beiden Kameraden eröffneten das Feuer. Plötzlich richtete sich eine Frau empor und fing an, laut zu schreien. Da habe ich auch geschossen."
Vorsitzender: "Haben sie getroffen?"
Graff: "Natürlich. Es war ja nicht schwer, so ganz aus der Nähe. Zwei Frauen habe ich getroffen."
Vorsitzender: "Und dann?"
Graff: "Dann wurde ich zur Kirche geschickt. Ich musste Reisig hineintragen. Es war schon ein großer Haufen sonstiges Brennmaterial drin."
Vorsitzender: "Weiter nichts?"
Graff: "Doch. Unter dem Reisig und Stroh hörte ich Stöhnen und Wimmern von Frauen. Ich sah auch einen Kameraden, der eine Frau und ein Kind mit dem Gewehrkolben erschlug."
Vorsitzender: "Wie heißt er?"
Graff: "Ich glaube, es war Pankowski. Es waren zum Schluss fast alle Kameraden bei der Kirche. Das war Befehl. Überhaupt, die Offiziere sind an allem Schuld. Schon von vornherein, bei der Abfahrt nach Oradour, hat Leutnant Barth gesagt: 'Heute muß Blut fließen!'"

Angeklagter Lohner: "Ich schäme mich, in Oradour gewesen zu sein. Noch immer gellen in meinen Ohren die Schreie der Frauen und Kinder. Ich habe die Ruhe meines Lebens verloren. Ich habe etwa 25 Zivilisten in eine Wagenremise geführt. Dann habe ich Stroh und brennbares Material herangetragen. Boos gab den Befehl dazu. Steger hat das Feuer angelegt. Ich sah auch, wie Boos eine Frau und ein junges Mädchen niederschoss."
Vorsitzender: "Hat Boos auch Handgranaten in die Kirche geworfen?"
Lohner: "Jawohl, Herr Präsident. Auch Steger warf welche."

Angeklagter Elsässer: "Ich war bei der Kirche. Dort waren auch Kahn und Boos. Ich hörte Schreie von Frauen und Kinder in der Kirche, auch noch, als diese schon brannte. Dann allerdings nicht mehr so laut."
Vorsitzender: "Haben sie sich an irgendeiner Aktion beteiligt?"
Elsässer: "Nein."
Vorsitzender: "Haben sie gesehen, dass ein anderer sich beteiligt hat?"
Elsässer: "Nein - oder doch. In dem Moment, als die Kirche anfing zu brennen, wollte eine Frau herausstürzen. Sie schrie, sie sei keine Französin, sie sei eine Frau aus dem Elsaß. Aber Kahn stieß sie zurück. Er sagte, er wolle für die Zukunft keine Zeugen haben."

Angeklagter Busch: "Ich war in der Hitlerjugend, dann in der Waffen SS... Ich gehörte am 10. Juni einem Erschießungskommando an. Ich erhielt Befehle."
Vorsitzender: "Und dann schossen Sie?"
Busch: "Ja, Herr Präsident."
Vorsitzender: "Wie eine Maschine, ein Mechanismus, den ein anderer bedient?"
Busch: "Jawohl, Herr Präsident."
Vorsitzender: "Und dann?"
Busch: "Dann sind die Leute umgefallen."
Vorsitzender: "Und dann?"
Busch: "Dann haben wir Brennmaterial auf die Leute geworfen.
Vorsitzender: "Lebten die Leute noch?"
Busch: "Das kann schon sein, Herr Präsident. Ich habe nicht so genau hingesehen."

Der Angeklagte Boos trat 1942 mit 18 Jahren als Elsässer freiwillig in die Waffen SS ein. In der Voruntersuchung wurde er am stärksten belastet. (siehe "L'Humanitaté" vom 21. Januar 1953)
Angeklagter Boos: "Ich war auf dem Marktplatz. Aber dort war schon alles eingeteilt, als ich kam. An Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern."
Vorsitzender: "Waren Sie an der Kirche?"
Boos: "Ja. Aber an Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern."
Vorsitzender: "Der Angeklagte Lohner und andere haben ausgesagt, dass Sie dort auf Frauen und Kinder geschossen und auch Handgranaten geworfen haben."
Boos: "Das ist nicht wahr, Herr Präsident!"
Vorsitzender: "Haben Sie Handgranaten in die Häuser geworfen?"
Boos: "Nein, Herr Präsident. Ich persönlich nicht. Ich habe nur den Befehl des Leutnants Lenz weitergegeben."
Vorsitzender: "Haben Sie in eine Scheune Zivilisten erschossen? Der Angeklagte Daul hat es behauptet."
Boos: "Nein, Herr Präsident, das ist nicht wahr!"
Vorsitzender: "Haben Sie in die Kirche hineingeschossen? Der Angeklagte Elsässer hat Sie dort mit einer Maschinenpistole gesehen!"
Boos: "Das ist alles nicht wahr, Herr Präsident! Das sagen die anderen bloß, weil ich die Wahrheit über sie ausgesagt habe. Die wollen sich an mir rächen."
Vorsitzender: "Waren Sie in der Bäckerei?"
Boos (nach langem Zögern): "Ich kann mich nicht erinnern."

(Zur Erklärung: Es konnte in dem Prozess nachgewiesen werden, dass Boos in dem eisernen Holzkohleofen der Bäckerei ein acht Wochen altes Kind verbrannt hat - lebendig verbrannt! Dieser Tatbestand war auch einer der wesentlichsten Bestandteile des [späteren] Todesurteils gegen Boos!
Und genau dieser eiserne Holzkohleofen wurde nun in den Gerichtssaal hereingetragen) :

Vorsitzender: "Kennen Sie diesen Ofen? Was geschah in diesem Ofen?"
Boos schweigt. ...

Später im Prozess will der Angeklagte Boos plötzlich auspacken:
Boos: "Ich weiß genau, was jeder einzelne getan hat, nicht nur die hier, sondern auch die anderen, die nicht hier sind. Diese Angeklagten haben alle irgendwo gemordet, ich weiß genau, wo jeder einzelne gewesen ist."
Vorsitzender: "Warum haben Sie denn das nicht alles schon längst ausgesagt? Sie hatten seit 1945 doch genug Zeit dazu!"
Boos: "Weil... Herr Präsident... Ich wurde immer bedroht! Jawohl, die Kameraden hier bedrohen mich! Und hier, auf der Advokatenbank, gibt es auch einen Rechtsanwalt, der mir gedroht hat: Wenn ich nicht den Mund halte, dann würde meiner Familie ein Unglück zustoßen. Dieser Rechtsanwalt ist heute nicht anwesend. Soviel ich weiß, heißt er Lux."
Vorsitzender: "Boos, was Sie da sagen, ist sehr schwerwiegend. Ich möchte Sie ausdrücklich darauf aufmerksam machen! Wenn Sie bei Ihrer Behauptung bleiben, dann wäre ich gezwungen, unverzüglich einen Disziplinarrat einzuberufen."
Boos: "Er ist heute nicht hier, Herr Präsident, aber ich kenne ihn genau wieder!
Vorsitzender: "Das ist eine sehr ernste Beschuldigung gegen einen angesehenen Rechtsanwalt! Überlegen Sie sich gut, was Sie da sagen! Die Sache könnte schwere Folgen für Sie haben."
Boos: "Er hat mich wirklich bedroht. Es ist so ein Blonder. Es ist jedenfalls der Anwalt, der heute nicht da ist! Sein Name, ich bin nicht ganz sicher, aber soviel ich weiß, heißt er Lux."

In der Tat, einer der Anwälte, der Rechtsanwalt Lux aus Straßburg, war wirklich nicht anwesend. Er war nämlich an diesem Tage in Paris, um als Abgeordneter in der Nationalversammlung die Aufhebung des Gesetzes über die Kriegsverbrecher vom 15. September 1948 zu erwirken (was den Freispruch der Angeklagten bezweckte)...

Und selbst der einstige Kommandeur der SS-Panzerdivision "Hitlerjugend", Kurt Meyer, genannt "Panzer-Meyer", der allen ernstes 1957 als Hauptsprecher der HIAG vor rund 8.000 ehemaligen SS-Angehörigen während einer Kundgebung in Bayern behauptete, "SS-Truppen haben keine Verbrechen begangen, ausgenommen das Massaker von Oradour, und das war die Tat eines einzelnen" (gemeint ist Bataillonskommandeur Diekmann), "er sollte vor ein Kriegsgericht gestellt werden, starb aber den Heldentod, bevor er abgeurteilt werden konnte", sprach von einem Massaker, von einem Kriegsverbrechen, nicht von Auseinandersetzungen mit den Maquis!
(Quelle: G. H. Stein: Geschichte der Waffen-SS. Düsseldorf 1967, S. 229/230.)

Übrigens: Bei der Einnahme von Stuttgart und Pforzheim durch die Franzosen kam es zu Massenvergewaltigungen; im württembergischen Freudenstadt missbrauchten französisch-marokkanische Besatzungssoldaten Bewohnerinnen des Ortes tagelang, sie sollten damit die Vernichtung Oradour-sur-Glanes vergelten!
Aber auch für die deutschen Besatzer war zuvor Rache ein wichtiges Motiv für besonders brutale Vergewaltigungsexzesse: So missbrauchten Wehrmachtsangehörige im Juli 1944 im Departement Ain in Südfrankreich massenhaft Frauen, um für französische Partisanenübergriffe Vergeltung zu üben, wie neueste Studien der Historikerin Birgit Beck beweisen...
(Quelle: Beck, Birgit: Wehrmacht und sexuelle Gewalt. Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten 1939-1945.)

 

Legenden und unter Verschluss gehaltene Akten?

Man sollte noch eines beachten, nämlich dass diese ganzen Behauptungen, die SS fand bei Oradour ausgebrannte Rot-Kreuz-Wagen, Maquis, tote Deutsche, etc., alles Behauptungen sind, die erst viel später nach dem Krieg, und vor allem auch viel später nach dem ersten Oradour-Prozess in Bordeaux 1953, aufkamen! Im Prozess in Bordeaux hat keiner der Angeklagten und keiner der Entlastungszeugen derartiges angeführt oder gar zur Verteidigung geltend gemacht, was aber der Fall hätte gewesen sein müssen, wäre an diesen Legenden etwas Wahres. Niemand dort, in Bordeaux 1953, hat auch nur ein Indiz zur Stützung solcher Behauptungen aufgezeigt. Das war schlicht gar kein Thema. Auch im Prozess gegen Heinz Barth wurden solche Dinge in keinster Weise als Entlastung oder Rechtfertigung geltend gemacht - im Gegenteil: Barth selbst führte durch seine umfangreichen Aussagen und Geständnisse solche Behauptungen/Unterstellungen ad Absurdum!
Diese ganzen Behauptungen (insbesondere der rechten/revisionistischen Szene b.z.w. deren Autoren) gehen zum Großteil auf Autoren wie dem ehem. SS-Untersturmführer Lothar Greil oder dem Altnazi und ehemaligen KZ-Wächter von Dachau Herbert Taege zurück, die seit Jahrzehnten versuchen, ihre SS-Legenden an den Mann zu bringen. Und dabei bedienen sie sich all den Methoden, durch die sich die rechte Szene und ihre Autoren für alle Zeit selbst diskreditiert hat! Aber auch der Autor Vincent Reynouard, der wegen der Verbreitung von Lügen, Diffamierung der Überlebenden, sowie der Leugnung von Kriegsverbrechen im Jahre 2004 eine Freiheitsstrafe von 6 Monaten verbüßen musste, tat ein Übriges zur Verbreitung solcher Legenden.

Lammerding

Stadler

Diekmann

Kämpfe

Barth

Auch die immer wieder angeführte Behauptung, bezüglich Oradours würden der Öffentlichkeit Akten vorenthalten, geht auf solche Autoren zurück, explizit auf Herrn Taege, der in drei Beiträgen des HIAG-Blatts "Der Freiwillige" in Anbetracht der Eröffnung des Verfahrens gegen Zugführer Heinz Barth in Berlin (ehem. DDR) 1983 schrieb: dass "der französische Staat die Akten des Vorprozesses von 1953 in Geheimarchiven verschlossen hat und auch nicht ein Blättchen zur 'Rechtshilfe' der DDR herauszugeben bereit war".
(Quelle: Der Freiwillige. Osnabrück, H. 9/1983)

Aus den Akten des Prozesses gegen Barth und laut dem damaligen Staatsanwalt Horst Busse ist hingegen zu entnehmen, dass die Franzosen damals die Anklageschriften, Ermittlungsakten, sowie Vernehmungsprotokolle der Zeugen (sowohl Belastungs- als auch Entlastungszeugen) zur Verfügung stellten.
Zudem wurden Akten, Vernehmungen, Aussagen der Angeklagten, ihrer Entlastungszeugen, sowie die Aussagen der Überlebenden des Massakers in diverser Literatur veröffentlicht, unter anderen bereits während des laufenden Prozesses in Bordeaux 1953 Tagtäglich im "l'Humanite", teilweise auch im "Paris Match".

Des weiteren fragte Taege in "Der Freiwillige", "weshalb die DDR-Staatsanwaltschaft nicht im Wege des Amtshilfeersuchens die Ermittlungsakten der BRD-Staatsanwaltschaft angefordert hat".

Zutreffend ist aber, dass sich der Generalstaatsanwalt der DDR, Josef Streit, bereits am 12. April 1982 an den zuständigen Generalstaatsanwalt in Hamm gewandt hatte und auch von dort rechtzeitig Aktenmaterial erhalten hatte, so die Protokolle einer Beschuldigtenvernehmung von Lammerding, von Zeugenaussagen Stadlers, Kahns, Okrents und Weidingers sowie die von Stadlers Adjutanten Werner. Diese Protokolle waren Gegenstand der Beweisaufnahme im Prozess gegen Barth!
Ganz zu schweigen von der lückenlosen Aufarbeitung der Aktivitäten der damaligen französischen Widerstandsbewegung durch diese selbst, zum Beispiel im "ANGAG" oder "l'Humanite".

Außerdem befand sich in der Stadt Limoges damals eine (die entsprechende!) deutsche Militärkommandantur, die bei ihrer überstürzten "Abreise" beim Anrücken der alliierten Invasionstruppen etliche Dokumente zurück ließ, die man im dortigem Stadtarchiv einsehen kann. Aus diesen Dokumenten geht eindeutig hervor, dass die SS ursprünglich die Stadt Saint Junien zerstören wollte, weil dort im Verlaufe einer Schießerei zwei deutsche Soldaten getötet worden waren. Allerdings hatte Saint Junien damals 6.000 Einwohner, das erschien dann doch etwas zu groß. So entschied man sich kurzer Hand für den kleinen, abgelegenen und leicht zu kontrollierenden Ort Oradour-sur-Glane, weil, erstens, in dem Dorf keine Maquis zu befürchten waren, und, zweitens, durch die abgelegene Lage nicht mit unerwünschten Zeugen zu rechnen war.

 

Partisanen bzw. Maquis und das Völkerrecht

Selbst die beinahe ständigen Versuche, die Aktivitäten der damaligen Partisanenbewegungen und Untergrundorganisationen vom Völkerrecht ausschließen zu wollen, gehen ins Leere, denn die Haager Landkriegsordnung gilt für Kombattanten sowohl als auch für Nichtkombattanten - zu denen, nebst V-Männer, Kundschafter, Agenten, Nachrichtenübermittler, etc., auch die Partisanen gehören. Denn bei all den Vorwürfe, die Partisanen, oder explizit in Frankreich die sogen. Maquis, trügen ihre Waffen nicht offen, hätten keine Uniformen, waren nicht als kämpfende Truppe zu erkennen und somit als Freischärler vom Völkerrecht ausgeschlossen, stellt sich die Frage, wie man sich den Kampf der Partisanen denn vorstellt? Die Maquis bestanden sicher nicht aus lauter mit Taschenmessern bewaffneten vermeintlichen Zivilisten, die hinter Sträuchern versteckt den vorbeimarschierenden deutschen Soldaten hinterrücks die Kehle durchschnitten - wobei nicht ausgeschlossen sein soll, dass so etwas vorgekommen sein kann.
Die hauptsächlichen Waffen der Maquis in Frankreich waren neben Sprengstoff vor allem Maschinengewehre, Karabiner, Panzerfäuste, etc., alles Waffen, die man nicht so einfach in der Hosentasche verstecken kann (also "offen" trägt), zudem hatten sie diverse Fahrzeuge wie LKWs, Stahlhelme und ihre allseits bekannten gelben Lederjacken, etc. Ihre Aktionen bestanden hauptsächlich in der Zerstörung oder Beeinträchtigung der deutschen Nachschubwege, also Sprengen von Zuggleisen, Brücken, Strassen, etc.

Artikel 3 der Haager Landkriegsordnung (= Ordnung der Gesetze und Gebräuche des Landkrieges vom 18. Oktober 1907. Reichsgesetzblatt, 1910, Nr. 2, S. 132ff.) legitimiert Kombattanten und Nichtkombattanten:

"Die bewaffnete Macht der Kriegsparteien kann sich zusammensetzen aus Kombattanten und Nichtkombattanten. Im Falle der Gefangennahme durch den Feind haben die einen wie die anderen Anspruch auf Behandlung als Kriegsgefangene."

Also haben sowohl Kombattanten als auch Nichtkombattanten Anspruch darauf, bei Gefangennahme als Kriegsgefangene zu gelten. Die Kriegsgefangenenregel ist in Artikel 8 festgelegt:

"Die Kriegsgefangenen unterstehen den Gesetzen, Vorschriften und Befehlen, die in dem Heere des Staates gelten, in dessen Gewalt sie sich befinden."

Die Haager Landkriegsordnung regelt aber auch in Artikel 23 was namentlich untersagt ist:

"Abgesehen von den durch Sonderverträge aufgestellten Verboten, ist namentlich untersagt:

b) die meuchlerische Tötung oder Verwundung von Angehörigen des feindlichen Volkes oder Heeres,

c) die Tötung oder Verwundung eines die Waffen streckenden oder wehrlosen Feindes, der sich auf Gnade oder Ungnade ergeben hat

h) die Aufhebung oder zeitweilige Außerkraftsetzung der Rechte und Forderungen von Angehörigen der Gegenpartei oder die Ausschließung ihrer Klagbarkeit"
.

Die Bewohner von Oradour-sur-Glane waren Angehörige des feindlichen Volkes, sie waren unbewaffnet (leisteten keinen sonst wie gearteten Widerstand) und damit wehrlos, hatten also Anspruch darauf, dass ihre Rechte gewahrt bleiben!
Wobei ganz und gar der Beweis fehlt, dass die Männer des Dorfes Partisanen waren oder mit Partisanen zusammen arbeiteten. Denn wäre das der Fall gewesen, hätte man ihnen laut dem Völkerrecht (Haager Landkriegsordnung Artikel 8) den Prozess nach geltendem deutschen Recht machen müssen. Sie einfach zu erschießen, war mindestens Lynchmord gewesen - und wäre es Heute noch!

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Maquisard in Frankreich 

 während des WK-II

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Moralische Bedenken am Widerstand gegen Raub- und Vernichtungskrieg?

Es stellt sich auch immer wieder die Frage nach dem Sinn oder der moralischen Legitimation von Partisanen und deren Aktionen. Dabei muss man aber bezüglich des Zweiten Weltkrieges feststellen, dass Hitlerdeutschland den Krieg nicht nur führte, um die eigene Vormacht in Europa zu erreichen, sondern Hauptgrund des Krieges war vor allem (von Hitler schon lange vor seiner Machtergreifung konstatiert) "Lebensraum" für die eigene "Herrenrasse" zu schaffen - und zwar explizit im Osten! Der Krieg im Westen gegen England und Frankreich war doch letztendlich nur Nebenkriegsschauplatz, der nur zustande kam, da diese Länder in Bündnistreue (mit Polen) dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, als dieses seine Hand gegen den Osten erhob.
Und dieser Krieg musste von Deutschland, in Anbetracht seiner katastrophalen finanziellen Lage, hauptsächlich als Raubkrieg geführt werden - mit all seinen Vernichtungserscheinungen. Die deutschen Besatzer gingen bekanntermaßen hierbei nicht gerade zimperlich mit der Zivilbevölkerung in den besetzten Ländern um - was Frankreich betrifft, sei darauf verwiesen, dass während der gesamten deutschen Besatzung immerhin rund 29.600 Zivilisten durch Wehrmacht, SS, Gestapo und Sicherheitsdienst umgekommen sind.
Nicht nur Frankreich sondern sämtliche besetzten Länder (explizit die Sowjetunion, und hier insbes. die Ukraine) wurden systematisch ausgebeutet und ausgeplündert - zur Ernährung des Reiches und seiner Wehrmacht. Der Bevölkerung der besetzten und erbarmungslos ausgebeuteten Länder blieb oftmals nicht mal mehr ein Minimum zum Überleben, explizit an Nahrung, medizinischer Versorgung, etc. - sogar Goebbels vertraute im Februar 1943 bezüglich des Versuchs der Nazis, in Weißrussland eine Art Musterkolonie aufzubauen, seinem Tagebuch an: "Wie sollte sich ein denkender Mensch aus den Ostvölkern für unsere Politik einsetzen können, wenn sie ihm nicht einmal das nackte Dasein lässt?".

Das Dritte Reich hat sich mit seiner Sozialpolitik und seiner Rüstungspolitik finanziell an den Rand des Bankrotts manövriert. Nazideutschland konnte sich nur retten, in dem erstens: die wohlhabenden Deutschen hoch besteuert wurden, zweitens: in dem von den enteigneten Juden Europas, durch die Erwirtschaftungen der Zwangsarbeiter und durch die Beraubung der Angehörigen unterworfener Völker Mittel in die deutsche Staatskasse flossen.
Beispielsweise stieg zunächst die sogen. Körperschaftsteuer von 20% im Jahre 1936 auf 40% im ersten Kriegsjahr. Die nach dem November-Pogrom von 1938 verfügte sogen. Judenbuße von einer Milliarde Reichsmark erhöhte die Staatseinnahmen um mehr als 6%. Hinzu kamen die sogen. Reichsfluchtsteuer und die sogen. Arisierungserlöse von zusammen insges. 10% des Reichshaushalts 1938/39.

Dies alles reichte aber nicht aus, weitere Ausgaben (wie Rüstung oder gar Krieg) zu finanzieren, so dass das Finanzministerium für das Jahr 1938 die Zahlungsunfähigkeit des Reiches konstatierte.
Ab Mai 1939 favorisierte die NS-Führung "zur Deckung des Bedarfs der Wehrmacht" bereits einverleibte Regionen auszubeuten - zunächst betraf das insbesondere die tschechische Wirtschaft. Darüber hinaus sollten auch die "im Laufe des Feldzuges" noch "zu erobernden Gebiete herangezogen werden".
Der Krieg und die weitere Rüstung wurden in den folgenden fünfeinhalb Jahren zu rund zwei Drittel aus den Tributen fremder Länder, aus konfisziertem fremden Eigentum und aus fremder Arbeitskraft finanziert. Sowohl aus den verbündeten als auch aus den eroberten Ländern flossen in hohem Maße Rohstoffe, Industrieprodukte und vor allem Lebensmittel ins Deutsche Reich.
Insbesondere auch die Enteignung der Juden in den verbündeten Ländern erhöhte die Staatseinnahmen zur Kriegsführung und Aufrechterhaltung des Wohlstandes der deutschen Bevölkerung. Juden, sogen. Zigeuner, osteuropäische Zwangsarbeiter, ebenso die Millionen freien polnischen Arbeiter (in den annektierten Gebieten ansässig) mussten von 1940 an viele Milliarden Reichsmark in die deutschen Sozialversicherungssysteme einzahlen ("Sozialausgleichsabgabe").

Der Krieg musste, um ihn überhaupt finanzieren zu können, hauptsächlich auf Raub angelegt werden. Und weil dieser Krieg immer mehr Geld kostete und neue Bedürfnisse der Volksgemeinschaft weckte, ersannen die Verantwortlichen immer radikalere Methoden des Raubs und der damit eng verbundenen Vernichtungspolitik. Zwischen August 1941 und dem 31. Januar 1942 starben beispielsweise zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene, vor allem an den Folgen der katastrophalen Versorgung. Der Bevölkerung der von Nazideutschland besetzten Ländern ging es nicht viel besser.
Zweck des Hungermordens bestand darin, die deutsche Wehrmacht komplett "aus dem Lande zu ernähren" und zudem Lebensmittel ins Reich zu transportieren, um die deutsche Bevölkerung zu ernähren. Die Wehrmachtsangehörigen erhielten ihren Sold in entsprechender Landeswehrung, lebten ansonsten in Vollpension.
Deutsche Generäle gaben die Devise aus: "Das Verpflegen von Landeseinwohnern ist eine ebenso missverstandene Menschlichkeit wie das Verschenken von Zigaretten und Brot".

Schon vor Kriegsbeginn (explizit des Russlandüberfalls) wurden auf höchster Ebene die Konsequenzen des beabsichtigten Lebensmittelraubs erörtert: "Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird".
Laut geheimen Angaben des Statistischen Amtes raubten die Deutschen allein in den Jahren 1941/42 und 1942/43 den Grundbedarf für 30 Millionen Menschen aus den besetzten Ländern. Hinzu kamen die kriegswichtigen Rohstoffe, die nahezu alle aus den besetzten oder verbündeten Ländern kamen (aber auch neutrale Länder wie Schweden lieferten Eisenerz oder Mineralöl).
Trotzdem reichte es mit diesem Raubkrieg immer noch nicht aus, die laufenden kosten des Staates zu decken. 1942 war das Reich pleite, beispielsweise schrumpften die Reichsgetreidereserven von ursprünglich 5,5 Millionen Tonnen auf 670.000 Tonnen - der tiefste Punkt überhaupt. Die folgende Ernährung der deutschen Bevölkerung konnte kaum mehr gewährleistet werden.
Göring rief nun die Reichskommissare und Militärbefehlshaber zusammen: "Es ist mir dabei gleichgültig, ob sie sagen, dass Ihre Leute wegen Hungers umfallen. Mögen sie das tun, solange nur ein Deutscher nicht wegen Hungers umfällt".
Die beispielsweise schon hohen Lebensmittelimporte aus Frankreich wurden um 50% angehoben.
Der für die Ukraine zuständige Reichskommissar verkündete: "Die Ukraine hat das zu liefern, was Deutschland fehlt. Die Erhöhung der Brotration ist eine politische Notwendigkeit, um den Krieg siegreich fortzuführen. Die fehlenden Mengen an Getreide müssen aus der Ukraine beschaffen werden. Die Ernährung der Zivilbevölkerung ist angesichts dieser Aufgabe gänzlich gleichgültig". Und um den deutschen Normalverbraucher zufriedenzustellen, setzte der Ernährungsminister Herbert Backe 1942 hohe Lieferungen von Fleisch und Getreide an das Reich aus den besetzten Ländern durch.
(siehe hierzu beispielsweise folgenden Artikel: Hitlers Volksstaat war eine Gefälligkeitsdiktatur)

Deutsche Plünderung in Russland

Enteigneter jüdischer Besitz

Deutsche Soldaten in Holland 1940

Die Finanzierung des Krieges, der deutschen Rüstung und die Ernährung der deutschen Bevölkerung (inkl. der Wehrmacht) erfolgte zum größten Teil aus den besetzten Ländern. Die einheimische Bevölkerung war dabei irrelevant, und das war im Westen nicht wesentlich anders, als im Osten. Ohne diesen Raubkrieg hätte das Dritte Reich weder Krieg führen können, noch - und das selbst ohne Krieg - die deutsche Bevölkerung ernähren und den Lebensstandart halten können!
Genau dieses repressive, brutale und rücksichtslose Vorgehen der Deutschen gegen die Zivilbevölkerung, gegen die Ökonomie und gegen die Wirtschaft der besetzten Länder - inklusive der Massenerschießungen von Juden durch Wehrmacht und SS, der Ausrottung der Intelligenz und der politischen Kader, der Verschleppungen zur Zwangsarbeit, der Deportationen und Zwangsumsiedlungen ganzer Völker -  hat den Widerstand doch erst provoziert! Was blieb der Bevölkerung der geknechteten Länder denn noch übrig - widerstandslos unterzugehen? Somit wurde Deutschland kein Partisanenkrieg aufgezwungen, wie gerne behauptet, sondern es hat ihn erst erzeugt/bewirkt! Dass sich die gegenüberstehenden Parteien in ihrer Brutalität dann gegenseitig hochschaukelten, will dabei niemand bestreiten - das rechtfertigt aber nicht, zur Vergeltung Kriegsverbrechen zu begehen, noch, sich an unbeteiligte Zivilisten zu vergehen!

Übrigens: Auch in Deutschland gab es in nicht allzu ferner Geschichte Partisanen, nämlich nach dem Einmarsch der französischen und belgischen Truppen 1923 in das unverteidigte Ruhrgebiet (als Folge der deutschen Zahlungsunfähigkeit der im Versailler Vertrag vereinbarten Reparationen) bildeten sich auch Gruppen Freiwilliger, die an die Stelle des von der Regierung Wilhelm Cuno aufgerufenen passiven Widerstands die aktive Abwehr gegen die französisch-belgische Okkupation setzten: Franzosen und/oder Separatisten wurden an Ort und Stelle getötet oder ins unbesetzte Gebiet verschleppt, Brücken und Eisenbahnen wurden gesprengt. Einer dieser aktiven Widerständler (= Partisanen), Albert Leo Schlageter (auf den Link klicken), wurde von den Franzosen ergriffen und hingerichtet. In den Augen der Deutschen war er ein Märtyrer.
Auf den aktiven Widerstand reagierten die französischen und belgischen Soldaten mit rücksichtsloser Gegengewalt. In Essen erschossen sie am 31. März 1923 13 streikende Krupp-Arbeiter und wenig später in Dortmund sieben Männer, die eine von der Besatzungsmacht verhängte Ausgangssperre überschritten hatten...

 

Lammerding's Zivilklage von 1965

Interessant zu Oradour bzw. insbesondere zu dem Fall Tulle ist auch noch, dass Divisionskommandeur Heinz Lammerding Jahre nach dem Krieg höchstpersönlich ein Verfahren gegen sich selbst angestrebt hatte, dass ihn rein von jeglicher Schuld waschen sollte, um gegen angebliche Verleumder gerichtlich vorgehen zu können:

In der TAT schrieb der Journalist Sterzenbach 1965, dass Lammerding in Frankreich wegen zahlreicher Geiselmorde in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war. Lammerdingt fühlte sich in seiner Ehre verletzt und reichte eine Beleidigungsklage gegen Sterzenbach und die TAT ein. Er wollte durch Urteil bestätigt haben, dass er nicht wegen Geiselmord, sondern "nur" wegen der Hinrichtung von Partisanen verurteilt worden sei.
Am 9. November 1965 wurde vor der 10. Zivilkammer des Düsseldorfer Landgerichts das Verfahren eröffnet. Doch Landgerichtsdirektor Dr. Niemeyer, der den Prozess führte, hatte sich präzise Kenntnisse über das Verbrechen von Tulle verschafft: "Es ist nicht mehr daran zu rütteln, dass damals ein ruchloser, jedem Recht und Gesetz Hohn sprechender Massenmord vollführt wurde.", sagte Niemeyer.
Der Prozess wurde danach vertagt. Das entgültige Urteil erging am 18. Januar 1966: Die TAT brauchte ihre Feststellung nicht zu widerrufen, wonach Lammerding in Frankreich wegen Geiselmorde zum Tode verurteilt worden sei. Der Ausdruck "Geiselmord" sei also in diesem Falle nicht zu beanstanden.
Lammerdings Zivilklage wurde zum Eigentor!

Entsprechende Akten zu diesem Lammerding-Prozess kann man im antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (explizit im DVZ-Archiv) einsehen. Allerdings nicht online; eine Terminvereinbarung ist erforderlich (derzeit über Ulli Jentsch).

 

© 2005 by Torsten Migge

 

Quellen:

  • Delarue, Jaques: Trafics et Crimes sous l' occupation.

  • Le massacre d'oradour, 10 juin 1944 - qui était raspoutine - les péripéties du sacre de napoléon. Historama. 1975.

  • Pauchou, Guy et Dr Masfrand, Pierre: Oradour- sur - glane - vision dépouvante. Charles - Lavauzelle, 1970.

  • Georges, Mouret: Oradour le crime le procès. 1958.

  • Paris Match N° 206: Après le verdict d'oradour, l'alsace meurtrie. - 5 ans au thibet par harrer. 1953.

  • Paris Match N° 201: Procès d'oradour à bordeaux. 1953.

  • SRCGE (Pauchou, Guy): Oradour-sur-Glane. 1967.

  • Fouché, Jean-Jacques: Oradour. 2001.

  • Fouché, Jean-Jacques: Décéption des trémoins.

  • Fouché, Jean-Jacques: Massacre at Oradour, France, 1944. Northern Illinois University Press 2005.

  • Dokumente zur Kriegsgeschichte. Feindliche Verbrechen in Frankreich, Oradour an der Glane, Archiv der Ermittlungsstelle für feindliche Keigsverbrechen.

  • Kruuse, Jens: Oradour. Frankfurt a.M. 1969.

  • Stitzer, Karl: Mordprozess Oradour. Berlin 1954.

  • Moisel, Claudia: Frankreich und die deutschen Kriegsverbrecher. Wallstein, April 2004. ISBN: 3892447497

  • Farmer, Sarah Bennett: Oradour-sur-Glane. Village martyr in the landscape of memory 1944-1991. Ann Arbor 1992.

  • Jäckel, Eberhard: Frankreich in Hitlers Europa. Deutsche Verl.-Anst. 1966.

  • Graf, Martin / Herve, Florence: Oradour. Regards au-dela de l'oubli - Blicke gegen das Vergessen. Klartext-Vlg., Essen, 2002.

  • Rosh, Lea / Schwar, Günther: Steidl Taschenbücher, Nr.5, Der letzte Tag von Oradour. 1992.

  • Aly, Götz: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Fischer Verlag.

  • Prollius, Michael von: Das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten 1933-1939. 2003.

  • Informationen zur politischen Bildung Nr. 266: Nationalsozialismus II. Führerstaat und Vernichtungskrieg.

  • Wojak, Irmtrud/Hayes, Peter: "Arisierung" im Nationalsozialismus. Volksgemeinschaft, Raub und Gedächtnis. 2000.

  • Frankfurter Rundschau vom 18.2.1953.

  • Die Neue Zeitung vom 17.2.1953.

  • Süddeutsche Zeitung vom 17.2.1953.

  • Staatsanwaltschaft Dortmund: Aktenzeichen 45 Js 2/62 und 45 Js 11/78.

  • Bundesarchiv BA, B 136/4917.

  • Bundesarchiv BA, B 305/948, Le Préfet de la Région de Limoges Freund-Valade an Pétain, 15.6.1944.

  • Staatsarchiv StAM 45 Js 2/62.

  • Nationalarchiv Paris: AJ 41 880 Nr. 48114 & AJ 41 880 Nr. 48328.

  • Archives des Departments in Haute-Vienne: Liasse Nr. 14 F 42 (Sammlung Delage), & Liasse Nr. 24 J 15 (Sammlung d´Albis), & Liasse Nr. 1081 W-238.

  • Archives des Departments in Haute-Vienne: F piéce 3543 Res. & F piéce 4365.

  • Stenogramme des Prozesses in Bordeaux von 1953.

 

 

Relevante Links:

Haager Landkriegsordnung in der Fassung vom 25. Januar 1910
Das Völkerrecht im Original (Auszug aus Band I: 1883-1949)
Verbrechen der Wehrmacht - Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944 (PDF-Datei)
Oradour-sur-Glane 10th June 1944 (englisch)
Deutsches Historisches Museum: Oradour-sur-Glane
Das Massaker von Oradour (der Stern am 11. Juni 2004)
Opas Oradour: In Deutschland bestimmt die Version der Täter bis heute die Darstellung des SS-Massakers.


Sonstige Links:

Rudolf Morche's Radtour (2002) zum Kap Tarifa/Südspanien mit Rückweg durch's Limousin
SS-Panzergrenadierregiment 4 "DF"

 

 

 

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