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Am
30. Januar 1933 war es dann soweit. Reichspräsident von Hindenburg
ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler. Er sollte mit seiner Politik
Deutschland aus der Krise führen. Die Führungen der SPD und der
Gewerkschaften hofften, durch Stillhaltepolitik ihre Organisationen bis
zum Abwirtschaften der Nationalsozialisten erhalten zu können. Sie
glaubten, dass sich auch dieses Kabinett mit Hitler an der Spitze wie alle
vorhergehenden Kabinette der Weimarer Republik nicht lange halten werde.
Sie wollten dann die Retter sein, wenn das Schiff im sinken sei.
Im ersten Kabinett von Hitler gab es zunächst nur zwei weitere
Nationalsozialisten, den Innenminister Wilhelm Frick und den Minister ohne
Geschäftsbereich - bald Reichsluftfahrtminister und preußischer
Ministerpräsident - Hermann Göring. Wenig später kam Joseph Goebbels
als Verwalter des neugeschaffenen Reichspropagandaministeriums hinzu.
Vizekanzler war der konservative Papen, Wirtschaftsminister der
deutschnationale Parteiführer Hugenberg. Arbeitsminister der bürgerlich
rechtsstehende Stahlhelmführer Franz Seldte. Jedoch immer noch mächtigste
Figur im politischen Geschehen war - wenn er wollte - der Reichspräsident.
Hitler täuschte zunächst alle seine Koalitionsgenossen mit staatsmännischem
Maß, mit Beruhigung und Freundschaft. Nur der Linken versicherte er
erbarmungslose Feindschaft.
Während des ersten Wahlkampfes half ein unerwarteter Zufall dem neuen
Reichskanzler. Er war aber auch ein Mann, der solche Gelegenheiten
hemmungslos auszunutzen verstand.
Am 27. Februar 1933 brannte der Reichstag. Hitler war sofort zur Stelle
und beschuldigte die Kommunisten der Brandstiftung und entfachte wieder
die große Furcht vor dem Bolschewismus. Freilich gab es nie wirkliche
Beweise, dass die Kommunisten hinter dem Brandanschlag standen, aber der
der Brandlegung bezichtigte und verhaftete Holländer van der Lübbe sagte
aus, angeblich im Auftrag der Kommunisten gehandelt zu haben.
Hitler nutzte die Gelegenheit, einen Feldzug gegen Kommunisten zu
entfachen, was allen radikalen und bürgerlichen Kräften imponierte.
Die kommunistische Agitation wurde unterdrückt, ihre Führer verhaftet.
Aber auch sozialdemokratische Abgeordnete wurden der Freiheit beraubt. Die
sozialdemokratische Presse wurde einige Zeit verboten.
Die Handhabe für dieses Vorgehen bot die Verordnung zum Schutz von Volk
und Staat, die der Reichspräsident auf Vorschlag seines Kanzlers erlassen
hatte.
Eine Verhaftung brauchte nun nicht mehr innerhalb 24 Stunden vom Richter
nachgeprüft werden. Die Verordnung hatte auch die Pressefreiheit und die
Versammlungsfreiheit, das Briefgeheimnis und die Eigenrechte der Länder
aufgehoben.
Jetzt konnten die nationalsozialistischen Führer alle Willkür walten
lassen. Die Parteieigene SA (Schutz-Staffel) stellte aus ihren Reihen
"Hilfspolizisten" zur Verfügung, die an Schusswaffen
ausgebildet wurden. Den Gebrauch der Waffe hat ihnen Göring ausdrücklich
anempfohlen. Das Ende des Rechtsstaates zeichnete sich ab.
Die ersten Meldungen kamen, dass Verhaftete "auf der Flucht
erschossen" worden seien. In Kellern und Wohnungen wurden politische
Gegner gefoltert.
Die Reichstagswahlen waren ein Triumph für Hitler. Wohl erhielt er nicht
die Mehrheit, aber mit 44 Prozent aller Sitze mehr als je zuvor ein
deutscher Parteiführer. Zusammen mit 8 Prozent der Koalitionsfreunde verfügte
er über die absolute Mehrheit.
Nun konnte er daran gehen, von dem geschlagenen Parlament das Ermächtigungsgesetz
zu verlangen, das ihm das Recht geben sollte, ganz ohne Reichstag zu
regieren. Da die Verfassung dem Widersprach, brauchte Hitler eine
Zweidrittelmehrheit.
Die bürgerlichen Parteien glaubten, ein Widerspruch werde die Nazis nicht
aufhalten und wenn sie den Entwurf ablehnten, dann würde sich Hitler mit
Gewalt nehmen, was er haben wollte. Jetzt aber gaben Versprechungen
wenigstens eine letzte schwache Hoffnung, dass das Schlimmste vermieden
werde. Hitler sagte zu, dass die Rechte des Reichspräsidenten nicht berührt
würden und dass die Parteien unbehelligt blieben.
In der Sitzung vom 24. März 1933 erhielt dann Hitler die Ermächtigung.
Einzig die Sozialdemokraten fanden den Mut das Gesetz abzulehnen.
Das Ermächtigungsgesetz gab Hitler eine Stellung, wie sie noch nie ein
Reichskanzler gehabt hatte. Nut noch eine Macht war der seinen überlegen,
nur noch ein Mann hätte ihm in den Arm fallen können: der
Oberbefehlshaber der Reichswehr, der Reichspräsident. Aber Paul von
Hindenburg war froh, dass nun alles geordnet war, dass die Nationalen
wieder regierten. Er konnte die Geschehnisse nicht mehr durchschauen.
Hitler konnte nun daran gehen, den Führerstaat so auszubauen, dass ihm
eines Tages die alleinige Macht von selbst zufallen muss. Noch im Frühjahr
löste er die Kommunistische, einen Monat später die Sozialdemokratische
Partei auf. Jetzt begriffen die Bürgerlichen worauf Hitler wirklich
hinzielte. Die bürgerlichen Parteien kamen dem Verbot zuvor, in dem sie
sich selbst auflösten.
Im Sommer 1933 bestimmte ein Gesetz, dass es nur noch eine Partei
geben darf: die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Die
Leitung der Gewerkschaften wurden verjagt, aus dem bisherigen
Gewerkschaften wurde zusammen mit den Unternehmen die Deutsche
Arbeitsfront gebildet. An der Spitze wurde Robert Ley gestellt.
Überall im Reich vollzog sich die Gleichschaltung. Ministerien, Behörden
und Verbände wurden der Partei unterstellt. An den wichtigsten Stellen
des öffentlichen Lebens traten Parteimitglieder.
Da nur noch eine einzige Staatspartei bestand, die abzulehnen Gefahr
bedeutete, und jedermann die Geheime Staatspolizei (Gestapo) fürchtete,
wurde das Reich Hitlers ein Staat der Heuchelei und der Lüge.
Am längsten widerstand der Gleichschaltung die Reichswehr und das Auswärtige
Amt. Solange der Reichspräsident lebte, durfte Hitler nicht wagen, Hand
an sie zu legen.
Nicht alle nationalsozialistischen Führer waren damit einverstanden, dass
Hitler die Reichswehr schonte. Der Stabschef der SA, Ernst Röhm war
Reichsminister geworden. Er wollte aber mehr. Er wollte die Revolution
weitertreiben, die "antikapitalistische Sehsucht" der jungen
Generation befriedigen. Vor allem wollte er eine nationalsozialistische
Wehrverfassung. In der SA, der auch die noch junge und nach Selbstständigkeit
strebende SS (Sturm Staffel) unterstellt war, sah Röhm die künftige
Miliz, die mit der Reichswehr verschmelzen sollte. Als er bei Hitler auf
Widerstand stieß, wurde er zum Gegner des Parteiführers der ihm zu zahm
war.
Im Sommer 1934 hatten die Rivalen Röhms im Ringen um die Macht innerhalb
der Partei, Göring und Goebbels, - bei der Reichswehr wohl auch Reichenau
-, dem Reichskanzler glaubhaft gemacht, dass Röhm in den nächste tagen
die Macht ergreifen wolle.
Röhm mag manchmal an einem Putsch gedacht haben, ging aber niemals
ernsthaft daran, eine Verschwörung vorzubereiten.
Im Morgengrauen des 30. Juni 1934 stand Hitler in Wiessee vor dem Bett des
Stabschef und verhaftete ihn. So wie diesen erging es den meisten übrigen
SA-Führern. Ohne Gerichtsverfahren wurden sie erschossen.
Göring und Himmler benutzten diese Gelegenheit des allgemeinen Mordens,
auch andere Gegner des Regimes zu beseitigen. Der General von Schleicher
und seine Frau wurden in ihrer Wohnung ermordet, General von Bredow wurde
ermordet, auch die engsten Mitarbeiter des Vizekanzlers Papen und des
Reichsverkehrsministers von Eltz-Rübenach mussten dran glauben. Gregor
Strasser wurde ermordet; insgesamt einige Hundert Tote.
Hindenburg, fern auf seinem Gut in Ostpreußen, durchschaute nicht, was
geschah. Er und die Reichswehr griffen nicht ein. Der Chef der
Heeresleitung Werner Freiherr von Fritsch wollte wohl handeln, und wohl
durchrann die Reichwehr ein dumpfes Beben, - zwei Generale wurden
ermordet, von Staatswegen war Mord geschehen! -, aber die Kraft zum
Handeln fand er nicht.
Dafür kam nun die Stunde des Heinrich Himmler (Foto). Die Schutz-Staffeln (SS)
waren als Leibgarde Hitlers gedacht. Jetzt wurden sie selbstständig und
ihr Führer, Reichsführer Himmler, hatte nur noch Hitler als
Vorgesetzten.
Nun entstanden die ersten Konzentrationslager (KZ) in denen Gegner der
Nazis, Kommunisten, Slawen und während des Krieges vor allem Juden
eingepfercht wurden. Unter dem Deckmantel des Zweiten Weltkrieges begannen
die Nazis einen Ausrottungsfeldzug gegen das Judentum. 6 Millionen Juden,
davon allein 5 Millionen in Auschwitz, wurden in den KZ ermordet.
Himmler gewann die Polizei, vor allem die Gestapo, die Herren über das
Leben aller Deutschen. Er gewann mit den Fabrikbetrieben der KZ auch
wirtschaftliche Macht. Er drang mit der Waffen-SS in das Heer ein. Er
gewann später das Kommando über das Ersatzheer, und über eine
Heeresgruppe. Die SA wurde auf innenpolitische Aufgaben zurückgedrängt.
Am 2. August 1934 starb der Reichspräsident Hindenburg. Staatsoberhaupt
wurde Hitler. Nach der Verfassung hatte der Präsident des Reichsgericht
als Staatsoberhaupt walten müssen, bis das Volk den neuen Präsidenten
frei gewählt hatte. Aber wer kümmerte sich jetzt noch um die Verfassung?
Der General von Blomberg ließ sofort die Truppen auf Hitler vereidigen.
Von nun an brauchte Hitler keine Schranken mehr anzuerkennen, aber er
wollte Macht auch in Europa. Schon 1933 hatte er begonnen, die Reichswehr
insgeheim zu verstärken. Nach Außen hielt er die glühensden
Friedensreden. Er beschwichtigte somit den Argwohn des Auslandes und lähmte
den Willen zum Eingreifen.
Im Februar 1934 schlossen Polen und Deutschland einen
Freundschaftsvertrag. Der Marschall Pilsudski hatte Hitler tief misstraut.
Er hatte den Krieg beginnen wollen bevor Hitler stark genug zum Angriff
geworden wäre. Aber Frankreich hatte sich ihm versagt, und allein fühlte
sich Polen zu schwach. Pilsudski fürchtete zwischen Deutschland und der
Sowjetunion vernichtet zu werden; so zog er es vor, wenigstens mit einem
der beiden Mächte zu einem Vertrag zu kommen.
Bei einem Aufstandsversuch der österreichischen Nationalsozialisten im
August 1934 wurde der Bundeskanzler Dollfuß ermordet. Die moralische
Mitschuld der reichsdeutschen Partei war offenkundig. Mussolini ließ
Truppen am Brenner aufmarschieren um zu zeigen, dass er einen Eingriff von
deutscher Seite nicht dulden werde.
Schon im Oktober 1933 war das Deutsche Reich aus dem Völkerbund
ausgetreten, weil sich Frankreich einen schnellen Ausgleich der Rüstung
widersetzte. Nun am 16. März 1935 verkündete Hitler die allgemeine
Wehrpflicht, was die vollständige Wiederaufrüstung bedeutete. Die
Reichswehr wurde in die Wehrmacht umgewandelt. Der Völkerbund erhob
Einspruch. Aber niemand handelte, keine Macht marschierte, auch die
Franzosen nicht. Der Erste Weltkrieg hatte die Kräfte Frankreichs erschöpft,
während Deutschland sein ungebrochenes Selbstbewusstsein bewahrt hatte.
Frankreich war müde geworden, und deshalb bemühte es sich, an Hitlers
Friedensbeteuerungen zu glauben. Außerdem begann das Ausland zuzugeben,
dass die Anklage der Kriegsschuld gegen Deutschland ungerecht gewesen sei,
dass man in Versailles Fehler begangen habe und dass man die Mitte Europas
nicht immer mit Zwang niederhalten könne. Von daher war die
Entschlusskraft der Sieger gelähmt.
Im Juni 1935 schloss Großbritannien ein Abkommen mit Deutschland, das die
beiden Flotten in ein Kräfteverhältnis von drei zu eins setzte. Die
Hochrüstung der deutschen Flotte unter Kaiser Wilhelm II, die für
England lebensbedrohend wurde, war die treibende Ursache für den Ausbruch
des Ersten Weltkrieges 1914.
Großbritannien fand sich damit ab, dass Hitler den Versailler Vertrag
zerrissen hatte, es stimmte der deutschen Aufrüstung zu; es suchte sie
nur auf dem Gebiet zu begrenzen, das für Großbritannien lebenswichtig
war, - auf die Flotte.
Durch die Tatenlosigkeit des Westens ermutigt, ließ Hitler seine Truppen
am 7. März 1936 ins Rheinland, der entmilitarisierten Zone, einrücken. Für
den Fall dass Frankreich den Einmarsch nicht dulden werde, hatte Hitler
den Rückzug ins Auge gefasst. Aber Frankreich sah sich durch Großbritannien
gehemmt.
Im November 1936 schlossen Deutschland und Japan ein Pakt gegen die Arbeit
der Kommunistischen Internationalen, der ein Bündnis vorbereitete. Und
endlich konnte Hitler die Brücke nach Rom schlagen. Mussolini hatte
Abessinien angegriffen, der Völkerbund erließ ein Ausfuhrverbot für
wichtige Waren nach Italien. Deutschland half nun Mussolini mit Kohlen,
darauf fiel Italien von den Freunden von Stresa ab und ging zu Hitler über.
Beide Mächte unterstützten mit Divisionen und Fliegern den Aufstand des
General Franco gegen die republikanische Regierung in Spanien. Die Achse
Berlin-Rom entstand, aus der später die Achse Berlin-Rom-Tokio wurde.

Hitler beim NS-Erntedankfest
1937
Für Hitler waren die diplomatischen Erfolge das Sprungbrett zu der
Eroberungspolitik. Nun ging er daran die Führungsspitze der Reichswehr
und des Auswärtigen Amtes so umzugestalten, dass er in ihr ein zuverlässiges
Instrument sehen konnte.
Zu Beginn des Jahres 1938 entließ er den Reichsminister Blomberg.
Blomberg war Oberbefehlshaber der gesamten Wehrmacht gewesen, sein Rücktritt
hatte jedoch keine politischen Gründe. Bei seinem Rücktritt riet er
Hitler, das Amt selbst zu übernehmen, und Hitler folgte willig dem Rat.
An Stelle des Reichskriegsministeriums trat das Oberkommando der Wehrmacht
(OKW), das aber nur die Funktion eines Arbeitsstabes des obersten
Befehlshaber Hitler ausübte. Die Oberbefehlshaber des Heeres, der
Kriegsmarine und der Luftwaffe unterstanden direkt Hitler. Generaloberst
Wilhelm Keitel, ein hitlertreuer Ergebener, wurde der Chef des OKW. Keitel
hatte also keine Befehlsbefugnisse, anders als Blomberg.
Der Oberbefehlshaber des Heeres Freiherr von Fritsch wurde durch
Generaloberst Walter von Brauchitsch ersetzt. Fritsch wurde in einer
schmutzigen Intrige der Neigung zum gleichem Geschlecht bezichtigt, was
jedoch später widerlegt wurde. Der Generalstabschef Ludwig Beck drängte
Fritsch zum Staatsstreich. Aber offene Auflehnung ging über die Kraft des
Generalobersten.
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Freiherr
von Fritsch |
Franz
Halder |
Hitler befreite sich auch von Außenminister Konstantin Freiherr von
Neurath. Sein Posten übernahm Joachim von Ribbentrop. Walter Funk, ein
Vertrauensmann Görings, wurde Wirtschaftsminister, als Nachfolger
Schachts.
Mit der in seinem Sinne neugestärkten Führungsspitze des Reiches konnte
Hitler darangehen, die Grenzen von Versailles endgültig zu sprengen und
seine Macht nach außen zu erweitern. In Österreich war ähnlich wie in
Deutschland das parlamentarische Regime zerfallen. An seiner Stelle hatte
sich wie in Deutschland zunächst ein konservatives Regime unter Dollfuß
gesetzt. Im politischen Alltag war das eine Diktatur der Rechten. Dagegen
kämpften von links die Sozialdemokraten, von rechts die
Nationalsozialisten. Die österreichischen Nationalsozialisten wollten
lange keine Eingliederung ins Reich, sie wollten die Macht übernehmen und
sich dann an die befreundete Bewegung des Reiches anlehnen, ohne die
staatliche Selbständigkeit aufzugeben. Ähnliche Pläne hatte lange Zeit
auch Hitler. Durch scharfen Druck auf Schuschnigg, den Nachfolger von
Dollfuß, wollte er das Regime von innen her aushöhlen. Aber in den
Verhandlungen mit Schuschnigg wuchsen Zorn und Angriffsverlangen. Göring
drängte die Nationalsozialisten an die Macht. Am 12. März 1938 ließ
Hitler seine Truppen in Österreich einmarschieren. Und diesmal fand sich
kein italienisches Heer, das wie 1934 aufmarschiert wäre. Die Achse
Berlin-Rom bewährte sich. Auch die Franzosen marschierten nicht.
Schon in den nächsten Tagen schleppte die Geheime Staatspolizei Juden,
Katholiken, Sozialisten in die Konzentrationslager.
Im Frühjahr 1938 sagte Hitler zu seinen Untergebenen, sein nächstes Ziel
sei die Tschechoslowakei zu zerschlagen. Die inneren Zustände in diesem
Staat kamen ihm entgegen. Die Tschechen hatten die Probleme des Vielvölkerstaates
so wenig bewältigen können, wie früher die Donaumonarchie. Unter den
Deutschböhmen entstand bittere Feindschaft gegen das Regime. Sie hatten
sich in der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins, einem Ableger der
Nationalsozialistischen Partei, ein Organ geschaffen, das Hitler jederzeit
zur Verfügung stand.
Den gefährlichsten Widerstand für diesen Schritt fand Hitler in der
Wehrmacht. Große Teile des Offizierskorps dachten anders als ihr Führer.
Der Sprecher dieser Gruppe wurde Generalstabschef Ludwig Beck. Er war
Fachmann genug, zu wissen, dass dieser Weltkrieg, - der komme, wenn Hitler
die Tschechei zerschlage und so weiter mache -, den Untergang des Reiches
bedeuten muss. Beck fand in dem Generalobersten von Brauchitsch
Zustimmung, bei Hitler wütende Ablehnung. Beck wollte die Generalität
bewegen, ihre Ämter niederzulegen. Er hoffte, dann werde Hitler darauf
verzichten, sein gewagtes Unternehmen auszuführen.
Brauchitsch teilte zwar mit seinem Generalstabschef die Überzeugung, dass
ein Krieg für Deutschland Unheil bedeuten werde, aber zu dem Schritt, den
Beck vorschlug, konnte er sich nicht entschließen, ebenso wenig die
anderen Generale. Der Mann, der am 30. Juni 1934 seine engsten Mitarbeiter
hatte niederknallen lassen, wäre sicher nicht vor einem Massenrücktritt
der Generale zurückgewichen.
Beck zog daraus für sich die Konsequenz und erklärte im August 1938
seinen Rücktritt, der von Hitler angenommen wurde. Neuer Generalstabschef
wurde der bayrische General Franz Halder.
Halder hielt schon 1938 Verschwörung für eine Pflicht des deutschen
Offiziers. In seiner Hand liefen die Fäden eines anderen Komplottes
zusammen, das in diesem Sommer und Herbst des Jahres 1938 ein Teil der
deutschen Generalität zusammenführte.
Sobald es feststand, dass Hitler den Krieg beginnen würde, sollten die
Berliner und Potsdamer Garnison losschlagen. Ihre Kommandeure Erwin von
Witzleben und Graf Brockdorff-Ahlefeld, waren mit Halder im Bunde. Das
Regierungsviertel sollte besetzt werden und Hitler verhaftet werden. Am
Ende sollte wieder ein parlamentarisches Regime errichtet werden.
Die Offiziere wollten nur handeln, wenn die Kriegsgefahr unmittelbar
bevorstand. Nur wenn das deutsche Volk dicht vor der Gefahr seines Lebens
stand, konnte Halder und Witzleben darauf rechnen, dass die Nation auf
ihrer Seite stehen würde. Alles hing davon ab, ob die Westmächte den
ernsten Willen hatten, es lieber zum äußersten kommen zu lassen, als
Hitler die Bastion im Herzen Mitteleuropas einzuräumen. Dann würden die
Generale handeln.
Aber dieser Wille bestand nicht. Der französische Ministerpräsident
Daladier wäre vielleicht marschiert, anders als sein Vorgänger vor zwei
und drei Jahren. Aber nun war das deutsche Heer zu stark geworden. Er
brauchte die Hilfe Großbritanniens. Der Premierminister Nevill
Chamberlain war von der Generalverschwörung unterrichtet, aber er wollte
sich nicht darauf verlassen. Er war zu einer Verständigung bereit.
Mussolini vermittelte. Am 29. September 1938 unterzeichneten Chamberlain,
Daladier, Mussolini und Hitler in München das Abkommen, das Deutsch-Böhmen
zu einem Teil des Reiches machte. Hitler hatte einen neuen strahlenden
Triumph davon getragen. Halders große Verschwörung war beendet.
Bis München hatte Chamberlain nicht verstanden, wer Hitler eigentlich
war. Jetzt erst, in den Verhandlungen auf dem Obersalzberg bei München,
in Godesberg und in München war in Chamberlain eine Ahnung davon
aufgestiegen, dass er Hitler bisher falsch gesehen hatte. Im folgenden
Jahr hatte Chamberlain begonnen, Großbritannien noch im Frieden hochzurüsten.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 ereignete sich ein schreckliches
Geschehnis, das als "Reichskristallnacht" in die Geschichte
eingegangen ist.
Schon seit 1933 waren Juden Schritt für Schritt entrechtet worden. Die Nürnberger
Gesetze vom 15. September 1935 hatten ihnen endgültig die Möglichkeit
genommen, Beamte zu werden oder Ehen mit Nichtjuden einzugehen. Die
Regierung wie die Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus. Der Sohn
eines von ihnen mit Namen Grynspan, beschloss in einem Anfall von
verzweifelter Wut, den deutschen Botschafter in Paris zu ermorden. Er traf
mit seinen Schüssen den Legionsrat von Rath.
Das war für die Führer der Nationalsozialisten der ersehnte Anlass, den
Hass gegen die Juden freien Lauf zu lassen. Eine wilde Aufpeitschung des
Rassenhasses. Sechs Wochen nach dem Münchner Abkommen, in der zum 10.
November wurden Hunderttausende Juden aus ihren Wohnungen geholt, viele
blutig geschlagen, viele ermordet, die Wohnungen zertrümmert, Büroeinrichtungen
und Läden vernichtet, die Schaufenster fielen in klirrenden Scherben,
Synagogen wurden angezündet.
Den misshandelten Juden wurde eine eine Milliarde Mark an Geldbuße
auferlegt, sie wurden nun aus dem Wirtschaftsleben ganz verdrängt. Später
wurden sie gezwungen, einen gelben Stern zu tragen, um sie als
"Untermenschen" vom übrigen Volk abzusondern. Mit jedem dieser
Ereignisse verschlechterte sich die moralische Stellung Deutschlands in
der Welt.
Die nationalsozialistische Regierung hat es klug genutzt, dass Brüning
die finanzielle Schuld des Staates gesenkt, den Ausgleich des Haushalts
erzwungen und die Wirtschaftskrise, wenn auch auf der tiefen Ebene der
Not, zum Stillstand gebracht hatte. 1933 begann die Nazi-Regierung
umfangreiche Unternehmungen gegen die Arbeitslosigkeit. Das Wiedererwachte
Vertrauen kam hinzu. So begann die Wirtschaft wieder aufzublühen. Aber
der Aufschwung war teuer bezahlt.
Der im August 1934 zum Reichswirtschaftsminister berufene Dr. Hjalmar
Schacht verkündete im September 1934 den "Neuen Plan", der
vorsah, die Einfuhren auf rüstungswichtige Güter zu beschränken,
dagegen den Export zu erweitern, um mehr Devisen für den Import von
strategischen Rohstoffen zu beschaffen. Anfang 1936 zeigte es sich jedoch,
dass die Politik des "Neuen Planes" nicht mehr ausreichte; der
Export konnte die Aufrüstung nicht mehr sichern. Nur die kundige Hand des
Reichsbankpräsidenten, der Schacht nach seiner Abberufung als
Wirtschaftsminister blieb, bewahrte die deutsche Währung vor den Zerfall.
Im März 1939 gelang Hitler, was ihm seit den Anschluss Österreichs als nächstes
Ziel vorgeschwebt hatte. Er unterstützte die Unabhängigkeitsbestrebungen
der Slowaken, engte damit die Tschechei noch weiter ein, rief schließlich
den Staatspräsidenten Hacha nach Berlin und setzte ihn hier unter
schwersten Gewissensdruck. Vor den Augen des geängstigten Gastes entwarf
Göring (Foto) das Bild einer durch einen Bombenhagel verwüsteten Hauptstadt.
Hacha gab nach und "stellte sein Land unter dem Schutz des Deutschen
Reiches". Als Protektorat Böhmen und Mähren wurde es eingegliedert.
Reichsprotektor wurde Innenminister Wilhelm Frick.
Am 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht in die Tschechei ein. Wieder
war Hitler niemand in den Arm gefallen. Die Westmächte sahen sich nun
auch militärisch in der schwierigsten Lage, denn die Wehrmacht war nicht
mehr die schwache Armee von 1936. Vor dem Münchener Abkommen wäre die
Sowjetunion bereit gewesen, gegen Hitler mitzumarschieren. Aber nach München
glaubte Stalin den Westmächten ihre Entschlossenheit nicht mehr, Hitler
zu bekämpfen. Hitler hatte sein Wort gebrochen, den Rest der Tschechei in
Frieden zu lassen. Von Prag an war nun Großbritannien entschlossen, das
Schwert zu ziehen, sobald Deutschland noch einmal versuchen werde, Gewalt
gegen ein kleines Volk anzuwenden.
Hitler sah die Gefahr nicht, die er mit dem Einmarsch in Prag
heraufbeschworen hatte. Im Frühjahr 1939 umwarb Hitler den östlichen
Nachbarn. Er forderte, dass die Stadt Danzig, die durch den Versailler
Vertrag als sogenannte Freie Stadt dem Völkerbund unterstellt worden war,
wieder deutsch werden sollte, außerdem sollte das Reich eine gesicherte
Verbindung mit Ostpreußen gewinnen. Aber die polnische Regierung weigerte
sich standhaft. Jedermann sah, dass Polen das nächste Opfer sein soll.
Aber bevor es soweit war, wollte Hitler den Rücken frei haben. Er wollte
nicht den Fehler der kaiserlichen Diplomatie eingehen, er wollte keinen
Zweifrontenkrieg.
Die Westmächte verhandelten im Sommer mit den Sowjets darüber, wie die
östliche Großmacht dem polnischen Staat im Falle eines deutschen
Angriffs beistehen könne. Aber sie führten die Verhandlungen nur
schleppend. Schon aber hatten die Diplomaten Hitlers und Stalins
miteinander zu verhandeln begonnen. Endlich hatten sich Großbritannien,
Frankreich und die Sowjetunion grundsätzlich geeinigt, da verweigerte
Polen den russischen Truppen für den Ernstfall das Recht zum Durchmarsch.
Es glaubte stark genug zu sein, Hitler Widerstand leisten zu können, bis
westliche Hilfe heran kam. Die Sowjetunion fühlte sich verhöhnt, sie
vollzog nun den letzten Schritt zur Annäherung ans Reich.
Am 23. August 1939 unterzeichneten in Moskau Stalin und Ribbentrop einen
Freundschaftspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilten sie polen
untereinander auf. Auch der größte Teil der baltischen Staaten wurde der
Sowjetunion als Einflussgebiet zuerkannt. Hitler hoffte, der Eindruck des
Paktes werde so stark sein, dass die Westmächte ihre Absicht aufgeben würde,
Polen zu helfen. Und wenn sie dennoch eingriffen, - auch damit rechnete
Hitler -, so würde er Polen niederwerfen können, ehe die Westmächte
heran wären.
Polnische Selbstüberschätzung und westlicher Respekt vor polnischer
Tapferkeit hielten einen langen Widerstand für gewiss. Hitlers
unheimlicher Blick für die Schwächen des Gegners sah schärfer. Dennoch
war der Pakt mit Stalin kein Erfolg. Hitler hatte den Osten erobern
wollen, aber ein befreundetes England hatte ihm zur Seite stehen sollen.
Jetzt hatte er Freundschaft mit der Sowjetunion, aber Großbritannien war
sein erbitterster Feind. Als Hitler zwei Jahre später versuchte, zu dem
ursprünglichen Plan zurückzukehren, landete er da, wo er sich geschworen
hatte, niemals hinzugelangen: zum Freifrontenkrieg.
Hitler hatte sich viele Feinde gemacht, im In- und Ausland, und
immerwieder gab es Pläne und Versuche, ihn aus dem Weg zu räumen. Der
Arbeiter Georg Elser wollte Hitler am 8. November 1939 mit einer
selbstgebastelten Zeitbombe im Münchener Bürgerbräu, in dessen Keller
Hitler sechszehn Jahre zuvor die nationale Revolution verkündet hatte, in
die Luft jagen. Die Bombe explodierte jedoch erst zwanzig Minuten nach der
ungewöhnlich kurzen Rede des Staatsoberhauptes. Die NS-Propaganda lastete
dieses Attentat eilig dem britischen Geheimdienst an.
Der britische Militärattaché Sir Noel Mason-Mc Farlane beobachtete in
Berlin, dass die tribüne der alljährlichen Führer-Geburtstagsparade
vis-a-vis seiner Wohnung Sophienstrasse 1 aufgestellt wird und reiste
folglich nach London in der Einsicht, Hitler müsse 1939 an seinem 50.
Geburtstag dort erschossen werden, weil sonst unweigerlich der Zweite
Weltkrieg komme. Doch England verweigerte dem General den nötigen
Scharfschützen, der unentdeckt aus dem Fenster Mac-Farlanes den
Kriegstreiber umlegen hätte können.





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