Versenkung
eines Lazarettschiffes 1918
und die Folgen
Am
27. Juni 1918 versenkte U-86 unter Oberleutnant Patzig westlich Irlands das
hellerleuchtet fahrende britische Lazarettschiff "Llandovery Castle".
Anscheinend kamen dem Kommandanten über seine ungeheuerliche Tat doch bedenken,
denn er schickte alle Ausgucks seines U-Bootes unter Deck. Nur die beiden
Wachoffiziere Dithmar und Boldt behielt er auf der Brücke. Patzig konnte für
das Folgende
keine weiteren Zeugen gebrauchen. Die drei Offiziere machten das Geschütz
klar und feuerten auf die Rettungsboote mit den Schiffbrüchigen, um alle Spuren
ihres gemeinen Verbrechens zu
verwischen.
Von den 164 Mann der Besatzung
der "Llandovery Castle", den 80 Militärärzten und
Sanitätsdienstgraden des kanadischen Heeres und den 14 Rotkreuzschwestern wurden
später nur 24 Personen geborgen.
Die Besatzung von U-86 wurde von
Patzig zum Schweigen verpflichtet. Zur weiteren Absicherung trug er auch nicht
die Versenkung des Schiffes in das Kriegstagebuch ein. Im Logbuch ließ er
außerdem einen falschen Kurs, weitab von der Versenkungsstelle, vermerken.
Die Regierung der Weimarer
Republik weigerte sich, Kriegsverbrecher auszuliefern. Um von den
Hauptkriegsverbrechern abzulenken, ließ sie gegen kleinere, wenn auch zögernd,
Prozesse durchführen. Diese Situation hatte Patzig genutzt und war im Ausland
verschwunden.
Schließlich wurden im Frühjahr
1921 Boldt und Dithmar in Hamburg gerichtlich vernommen. Dithmar war zu diesem
Zeitpunkt Offizier der
Reichsmarine!
Am 26. Juni 1921 erhob das
Reichsgericht in Leipzig gegen beide Anklage wegen Mordes. Für den Prozess
stellte die Reichsmarine einen "Sachverständigen". Es war ein
Korvettenkapitän Saalwächter, unter Hitler wird er zum Generaladmiral
avancieren. Er trat aber mehr als Verteidiger auf, denn er suchte die Tat zu
bagatellisieren, die Angeklagten als Befehlsabhängige hinzustellen, um einen
Freispruch zu erwirken. Die britischen Zeugenaussagen indessen waren
erdrückend.
Dennoch wurden die Angeklagten
nur wegen "Beihilfe zum Totschlag" zu je vier Jahren Gefängnis
verurteilt. Traditionsvereinigungen und Reichsmarineleitung liefen Sturm gegen
das Urteil. Da sie jedoch vorerst nicht erreichen konnten, Dithmar und Boldt auf
freien Fuß zu bringen, suchten sie ihr Ziel auf andere Weise durchzusetzen:
Am 17. November 1921 glückte
Boldt in Hamburg, wohin er sich auf eigenen Wunsch hatte überführen lassen,
mit Hilfe zahlreicher Freunde die Flucht. Bald sickerte durch, dass er sich als
Geschäftsmann in Kolumbien niedergelassen hätte.
Am 22. Januar 1922 floh auch Dithmar aus der Haftanstalt in Naumburg. Er fand in
einer Bank in Barcelona Beschäftigung. Über die Angelegenheit war bald mit
Hilfe der Behörden der Mantel des Schweigens gebreitet. Erst 1926 meldete sich
Patzig. Die Situation in Deutschland hatte sich wieder so gestaltet, dass er
für seine Person nichts zu
fürchten brauchte. Er gab deshalb zu Protokoll, dass er alle Schuld auf sich
nähme. Seine ehemaligen Wachoffiziere hätten nur den von ihm gegebenen Befehl
befolgt.
Admiral Zenker, der Chef der
Marineleitung, beantragte daraufhin beim Reichsgericht die
Aufhebung der Urteile gegen
Boldt und Dithmar. In einer nichtöffentlichen Sitzung kam am 4. Juni 1928 das
Reichsgericht diesem Antrag nach. Das
Urteil des Jahres 1921 wurde
aufgehoben.
Dithmar wurde für drei Monate wieder als Kapitänleutnant in der
Reichsmarine eingestellt. Seine vollen Dienstbezüge seit der Verurteilung im
Jahre 1921 wurden ihm nachgezahlt. Bei seiner Verabschiedung erhielt er die für
einen Kapitänleutnant höchstzulässige Pension und 20.000 Reichsmark
Entschädigung. Boldt bekam sogar 50.000 Reichsmark von der Reichskasse
ausgezahlt. Damit hatte die Marineführung der Weimarer Republik den feigen Mord
an 234 Menschen offiziell sanktioniert. Die auf Druck der Reichsmarine und der
hinter ihr stehenden aggressiven Kräfte durchgesetzte Revision zeigt, dass
Patzig, Boldt und Dithmar keine Außenseiter gewesen waren, sondern die Haltung
der U-Boot-Kommandanten der kaiserlichen Marine repräsentierten. Nicht ein
Weddigen, sondern Patzig und "Lusitania"-Versenker Schwieger waren
typisch für die Kampfesweise der deutschen U-Boot-Kommandanten im Handelskrieg
gegen Großbritannien. Heldentum wurde nach der Höhe der versenkten Tonnage
bewertet. Erzogen in dieser Tradition, gingen die Kommandanten und die
Besatzungen der deutschen U-Boote 1939 in den Krieg.