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Vorgeschichte
Schon
vor dem wilhelminischen Kaiserreich warfen die Preußen ihre Blicke
nach Ostasien, um nach geeigneten Stützpunkten zu suchen und
Handelsverträge mit China, Japan und Siam ( Thailand ) anzustreben.
Aus diesem Grund wurde 1860 eine Expedition mit drei Schiffen
ausgeschickt, die auch 1861 mit China einen Vertrag abschliessen
konnte. Bei dieser Reise stieß man auch auf die Bucht um Kiautschou
und ihrem kleinen Städtchen Tsingtao, die sich als gute Basis für
einen Stützpunkt am Gelben Meer anbot. Im Laufe der Zeit bekam die
Bucht prominente Befürworter wie Bismarck, Tirpitz und Ferdinand
Freiherr von Richthofen. Die Vorzüge lagen auf der Hand: mit der
Provinz Schantung (chin. Shandong) hatte man ein interessantes
Hinterland für Ein- und Ausfuhren, die Bucht war auch für
tiefgehende Schiffe geeignet, der Hafen war ganzjährig eisfrei und
man konnte aufgrund der natürlichen Gegebenheiten leicht
Verteidigungsanlagen errichten. Doch erst in den 1890ern gestattete
China Niederlassungen in den weiter entfernten Städten Tientsin und
Hankou. Hiermit wollte sich das Deutsche Reich aber keineswegs
zufriedengeben und behielt Kiautschou weiter im Auge. Den
vorgeschobenen Anlaß zur Ergreifung Kiautschou lieferte dann am 1.
November 1897 die Ermordung der beiden deutschen Missionare Nies und
Henle. Admiral Diedrichs ließ ohne großen Widerstand die Bucht
besetzen als "Bürgschaft für zu erfüllende Sühneforderungen".
Am 6. März 1898 konnte das Deutsche Reich dann schließlich im
Kiautschouvertrag die Gegend um Tsingtau für 99 Jahre pachten und
hatte damit ihren angestrebten Stützpunkt in Ostasien.
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Die
Inbesitznahme von Kiautschou (Gemälde von Willy Stöwer) |
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Die
Entwicklung der Kolonie
Kiautschou
hatte immer einen besonderen Status unter den deutschen
Schutzgebieten. So unterstand das Gebiet nicht dem Kolonialamt,
sondern der Reichsmarineverwaltung. Auch war der zuständige
Gouverneur immer ein Marineoffizier. Im Gegensatz zu den anderen
deutschen Kolonien war Kiautschou eine reine Handelskolonie. Anders
als die räumlich weiten Kolonien in Afrika gab es hier ein eng
begrenztes Gebiet, dessen wirtschaftliche Hauptfunktion in der
Vermittlung des Güteraustausches zwischen zwei großen Wirtschaftsräumen
war. Parallel zu unserer heutigen Zeit prophezeiten auch damals
viele China als kommenden Markt der Zukunft. Grob einteilen kann man
die Entwicklung der Kolonie in drei Schritte. Der erste bis Ende
1903 beinhaltet den Ausbau des Hafens und der Eisenbahn nach
Tschoutsun. Diese Zeit ist geprägt von einem sehr starken Überwiegen
der Einfuhren über die Ausfuhren, da viel Material zum Ausbau aus
Deutschland geholt werden musste und die noch mangelnden
Verbindungswege ins Hinterland und dessen schlechte Entwicklung den
Warenaustausch bremsten. In der zweiten Phase ab 1904 stiegen dann
die Ausfuhren dank der besseren Infrastruktur stetig an und es
entwickelte sich ein reger Küstenverkehr mit Shanghai und Umgebung.
Der Russisch-Japanische Krieg von 1904/1905 brachte der Kolonie zusätzlichen
wirtschaftlichen Auftrieb. Ausserdem wurde 1906 eine Zollunion mit
China hergestellt, was zwar eine ziemliche Abhängigkeit zu Shanghai
mit sich brachte, aber den Aufschwung weiter ankurbelte. In der
letzten Phase ab 1908 trat nun auch noch ein ausgedehnter
Ozeanhandel mit Europa auf den Plan. Mehrere Linien liefen Tsingtao
jetzt direkt an und brachten ihre Waren nach Belgien, England,
Italien, Deutschland und weitere Länder. Im Laufe der Zeit
entwickelte sich in Kiautschou so eine blühende Kolonie. Aus dem
verschlafenen Tsingtao wurde schnell eine moderne Stadt. Durch die
viele Aufbauarbeit in den 16 Friedensjahren verfügte die Kolonie zu
ihrer Hochzeit über gute Trink und Abwassersysteme, einen Anschluß
ans Welttelegraphennetz, einen gut ausgebauten Naturhafen, Anschluß
an die Schantungbahn und eine florierende Wirtschaft. Die damals
gegründete Germania-Brauerei z.B. ist noch heute eine der größten
asiatischen Brauereien. Trotz alledem war auch Kiautschou für das
Deutsche Reich ein Verlustgeschäft und musste aus der Heimat
subventioniert werden. Dies nahm man allerdings in Kauf da die
Entwicklung Tsingtaos Hoffnung machte und das kaiserliche
Schaufenster im fernen Osten als maritimer Reparatur und Ausrüstungshafen
von geostrategischer Bedeutung war.
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Die
Lage bei Kriegsausbruch
Die
Wehrfähigkeit der Kolonie bei Kriegsausbruch war eher bescheiden.
Zur Seeseite war das Pachtgebiet durch seine Festungsanlagen und die
vorhandenden Kriegsschiffe zwar gut geschützt, ein Landangriff
stellte die Truppe aber vor große Probleme. Die deutsche Regierung
sah die Verteidigung der Schutzgebiete als zweitrangig an, da sie überzeugt
war, daß ihre Zukunft auf den europäischen Schlachtfeldern
entschieden würde. Gegen die übermächtige Royal Navy waren die
Besatzungen ohnehin machtlos; die Aufgabe, Japan aus den Kämpfen zu
halten, hatte man der Diplomatie zugeschoben (vergebens, wie sich
bei Kriegsausbruch herausstellte, da Großbritannien Japan als
Alliierten gegen Deutschland gewinnen konnte). Deshalb war auch
Kiautschou primär gegen einheimische Unruhen konzipiert und auf ein
Ausharren gegen die Angreifer, bis in der Heimat die Entscheidung
gefallen war. Die Hauptlast der gesamten militärischen Friedensstärke
von ca. 2400 Mann trugen das III. Seebataillon Cuxhaven mit 1.200
Mann und die Matrosenartillerie mit 200 Mann. Als Kiautschou am 1.
August 1914 per kaiserlicher Verordnung in den Kriegszustand
versetzt wurde, zog man alle verfügbaren deutschen Kräfte und eine
Reihe Freiwilliger aus Ost- und Südasien zusammen und hatte über
4.000 Mann unter Waffen. Die blühende Kolonie war binnen kurzer
Zeit in ein großes Heerlager verwandelt worden. Nach dem Auslaufen
des Kleinen Kreuzers Emden blieben zur Seeverteidigung noch
ein paar Kanonenboote, ein Minenleger sowie der ältere k.u.k.
Kreuzer Kaiserin Elisabeth. Die österreichische Besatzung
dieses Kreuzers schloß sich den deutschen Soldaten an und kämpfte
bis zum Schluß mit. Artilleristisch war die Bucht unter anderem mit
zwei 28 cm und je einer 24 cm und 21 cm Batterie sowie weiteren
kleineren Kalibern versehen. Ausserdem legten sich im Abstand von
5-6 km fünf Infanteriewerke um das Stadtgebiet von Tsingtao.
Unterstütz wurden die Truppen noch von einem älteren Flugzeug vom
Typ Etrich A-II Taube, das im Verlauf der Kämpfe wertvolle Dienste
leistete.
Trotz der großen Anstrengungen, um Kiautschou wehrfähig zu machen,
war die Lage völlig hoffnungslos. Den etwas über 4000 Verteidigern
standen die durch die Royal Navy unterstützte japanische Flotte und
eine zusammengezogene Landmacht von über 60.000 Soldaten (hauptsächlich
Japaner, unterstützt von je einem Batallionen Briten und Inder)
gegenüber, gegen die sie die einzige umkämpfte deutsche Festung im
Ersten Weltkrieg verteidigen mussten.
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Blick auf
die Tsingtaubucht und Außenreede |
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Die
Kampfhandlungen
Bereits
am 10. August 1914 richtete Japan ein Ultimatum an Deutschland und
verlangt die Übergabe von Kiautschou. Als der Gouverneur diese
Forderung unbeantwortet ließ, gingen am 15. August die japanische
Flotte und ihre britischen Verbündeten bei Tsingtao vor Anker.
Einen Tag später wiederholten die Japaner ihr Ultimatum, wonach
ihnen das gesamte Pachtgebiet bedingungslos und ohne Entschädigung
bis zum 15. September zu übergeben sei. Auch dieses blieb
unbeantwortet.
Darauf hin reichten die Japaner am 23. August die Kriegserklärung
gegen das Deutsche Reich ein und blockierten den Hafen fünf Tage später
völlig. Damit war das Schutzgebiet von See her hermetisch
abgeriegelt. Gouverneur Kapitän zur See Mayer-Waldeck
telegraphierte in diesen Tagen an den Kaiser er stehe zur Pflichterfüllung
bis zum Äußersten. Die erste Landungswelle der Invasoren betrat am
2. September chinesischen Boden. Mit ihr wurden 2.000 Engländer und
2.300 Japaner an der Küste der Provinz Schantung abgesetzt, mit dem
Auftrag, eine Landfront aufzustellen.
Nach und nach wurden nun immer mehr Truppen angelandet, um die
Deutschen mit zwingender Überlegenheit an Mensch und Material aus
der Festung zu treiben. Nachdem sich die alliierten Truppen
formierten und schnell die Eisenbahn und die Bergwerke besetzt
hatten, war der 18. September der Tag der ersten Gefechte zu Land.
Der Vormarsch verlief aufgrund der schlechten Wetterbedingungen sehr
schleppend, trotzdem konnten die Japaner in fortgesetzten Gefechten
mit vorgeschobenen Sicherungstruppen den Einschließring immer enger
ziehen. Am 26. September standen sie vor der ersten deutschen
Verteidigungslinie. Rollende Sturmangriffe begannen nun auf die
Festungsanlagen, doch die Verteidiger leisteten erbitterten
Widerstand und brachten den japanischen Truppen schwere Verluste
bei. Ein heftiges Abwehrfeuer, bestehend aus der Feld- und
Festungsartillerie sowie der Unterstützung des Kanonenbootes Jaguar
und des österreichischen Kreuzers Kaiserin Elisabeth,
verlangsamte das Vordringen spürbar.
Maßgeblichen Anteil hieran hatte auch der als "Flieger von
Tsingtao" berühmt gewordene Gunther Plüschow. Immer wieder
gelang es es ihm mit seinem klapprigen Flugzeug vom Typ
"Taube", der Artillerie Ziele zu geben, wertvolle Aufklärungsarbeit
zu leisten und die japanischen Schiffe mit Bombenflügen zur
Weissglut zu treiben.
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Deutsche
Matrosen in der Bucht von Kiautschou |
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Der
28. September markierte trotzdem die vollständige Einkesselung
Kiautschous von Land und See. An diesem Tag nahmen die Alliierten
die zweite Verteidigungslinie und hatten damit das komplette Vorfeld
der Festung in ihrer Hand. Einen Monat lang ließen sich die Japaner
nun Zeit für ihren Großangriff auf die Festung. Fast täglich
wurden neue Truppen ausgeschifft und in Stellung gebracht. In der
Zwischenzeit war die Artillerie auf beiden Seiten aber nicht untätig
und verschoss enorme Mengen an Munition. Auch gelang es dem
deutschen Torpedoboot S 90, den Kreuzer Takachiho zu
versenken, wobei fast die gesamte Besatzung ertrank. Ende Oktober
hatten die Japaner sich auf 800 Meter an die Hauptkampflinie
herangekämpft. Am 29. Oktober begann ein fast neun Tage andauerndes
Artilleriefeuer von Land und See auf die deutschen Stellungen, daß
die deutschen Geschütze weitgehend zum Schweigen brachte und von
Fliegern hervorragend koordiniert wurde. Der Morgen des 31. Oktobers
war dank des Geburtstags des japanischen Kaisers der Anlass für
einen großen Generalsturm der Belagerer, der aber noch ein letztes
Mal zurückgeschlagen werden konnte. Ab dem 4. November wurden
ununterbrochen Tag und Nachtangriffe auf die deutschen Stellungen
durchgeführt, ohne Rücksicht auf eigene Verluste, und die zähen
Verteidiger damit immer mehr zermürbt.
Zwei Tage später konnten endlich nach harten Gefechten die Außenbefestigungen
des Forts eingenommen werden. Die endgültige Entscheidung fiel in
der Nacht vom 6. auf den 7. November, als die ersten Japaner in das
Innere der Festung eindringen konnten. Fast alle Munition war nun
verschossen , und die Deutschen und Österreicher begannen mit der
Selbstversenkung ihrer Schiffe und der Zerstörung der übriggebliebenen
Verteidigungsanlagen. Günther Plüschow wurde angewiesen, die
Spitze der Fahne des III. Seebatallions sowie weitere wichtige
Unterlagen auszufliegen, wobei er später nach abenteuerlichem Flug
in Gefangenschaft landete. Noch während blutige Nahkämpfe
innerhalb der Festung entbrannten, bot Gouverneur Meyer-Waldeck die
Übergabe an. Somit kapitulierte die Festung am 7. November
ehrenvoll, und die Besatzung ging komplett in japanische
Kriegsgefangenschaft, in der sie im allgemeinen korrekt und höflich
behandelt wurde. Die Verluste bei den Kämpfen um Tsingtao und
Umgebung betrugen auf deutscher Seite 199 Tote und 500 Verwundete,
die Japaner hatten 1.800 Gefallene oder Verwundete zu beklagen.
Kiautschou blieb vorerst in japanischer Hand und wurde, trotz
Abtretung an Japan durch den Versailler Vertrag, nach Protesten 1922
wieder an China zurückgegeben.
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